Berlinale 2026 – das wird wichtig

Das schwierige zweite Jahr – unter diesem Motto scheint die diesjährige Ausgabe der Berlinale zu stehen, die zweite unter der neuen Festivalleitung Tricia Tuttle. Nachdem im letzten Jahr zumindest erste Bewegungen hin zu einer Öffnung des Programms zu erkennen waren und von Seiten der Festivalleitung dieses Bestreben auch immer wieder geäußert wurde, setzte bei der Vorstellung des Wettbewerbs im Januar zunächst Enttäuschung ein. Keine großen Namen, vor allem auf der Regieposition, und auch sonst auf den ersten Blick wenig aufregendes Kino. Es wirkt wie ein Schritt zurück, der nur noch einmal unterstreicht, wie viel Relevanz die Berlinale im Vergleich zu den anderen A-Festivals eingebüßt hat. Das ist natürlich eine Entwicklung, die auch Tricia Tuttle in zwei Jahren nicht umkehren kann. Vertrauen muss man sich erarbeiten. Doch die ein oder andere Entscheidung geht schon auf ihre Kosten. Warum zum Beispiel mit No Good Men ein Film eröffnet, der wirklich gar keine Prominenz auf den Roten Teppich bringt (und eigentlich geht es bei der Eröffnung nur darum), bleibt wohl ein Geheimnis.

Doch wollen wir das Festival mal noch nicht beerdigen, bevor es überhaupt losgeht. Wo auf den ersten Blick vielleicht nicht die aufregendsten Namen vertreten sind, bietet sich womöglich gerade die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Besonders aus deutscher Perspektive bietet der Wettbewerb einiges. Eva Trobisch und İlker Çatak zeigen beide zum ersten Mal ihre neuen Filme im Wettbewerb und man darf gespannt sein, was sie uns anbieten, während wir bei Berlinale-Urgestein Angela Schanelec ungefähr wissen dürften, was für ein Kino uns erwartet. Wenn man auf die Besetzungslisten schaut, darf man sich dort zumindest auf einige Namen freuen: Amy Adams kommt mit At the Sea, Sandra Hüller mit Rose und Channing Tatum mit Josephine, der zumindest ein bisschen Buzz aus Sundance mitbringt. Was das alles filmisch wert ist, werden wir sehen.

Etwas Ganz Besonderes von Eva Trobisch im Wettbewerb © Adrian Campean / Trimafilm

Wem der Wettbewerb nicht zusagt, hat ja auf der Berlinale immerhin das große Glück, sich in die anderen Sektionen stürzen zu können. So gab es in der neuen Sektion Perspectives im letzten Jahr durchaus die ein oder andere Überraschung. Aber wie das mit einem Debütfilm-Wettbewerb so ist, kann man vorher nur wenig dazu sagen. Insgesamt sieht das Programm dort in diesem Jahr etwas dezidiert politischer aus, bleibt aber weiterhin thematisch breit gefächert. Generell stellt sich aber immer noch die Frage, welche Funktion diese Sektion haben soll, wo nun auch wieder ein Debütfilm im großen Wettbewerb läuft und viele weitere Debüts im Forum, Panorama und Generation aufzufinden sind.

Auch mit dem Panorama ist es ja immer so eine Sache. In den letzten Jahren sind wir ja eher zu Gegnern dieser Sektion geworden, in der rote Fäden nur schwer erkennbar sind und man immer vergeblicher versucht, die Nadel im Heuhaufen zu finden. In diesem Jahr hat sich der neue Hong Sang-soo Film The Day She Arrives in diese Sektion verirrt, in der er seit 2007 nicht mehr war. Neben Hong, sind wir noch auf die Leif Randt Verfilmung Allegro Pastel gespannt und auch Staatsschutz von Faraz Shariat verspricht viel. Für all diejenigen, die den Brat-Summer nochmal aufleben lassen wollen, läuft The Moment, eine Mockumentary von und mit Pop-It-Girl Charli XCX. Ansonsten muss man im Panorama wie immer auf Entdeckungen hoffen und wahrscheinlich mit Enttäuschungen rechnen. 

Anna Rollers Allegro Pastell im Panorama Programm © Felix Pflieger

Dagegen sieht das Programm der Special-Sektion in diesem Jahr echt interessant aus. Es wurden nicht nur einige Namen aus Sundance importiert, sondern es gibt dort auch die neuen Filme von Ulrike Ottinger und Ruth Beckermann zu sehen, auf die wir sehr gespannt sind. Ebenso verspricht das Special-Programm wieder Publikumslieblinge und Mainstream-Hits wie Gore Verbinskis Good Luck, Have Fun, Don’t Die oder The Testament of Ann Lee. Außerdem versprechen die Filme des Berlinale Special Midnight einen dringend nötigen Genre-Kick inmitten der glattgebügelten Festivalware.

Das diesjährige Forum, im dritten Jahr unter der Leitung von Barbara Wurm, zeigt sich erneut von einer verspielteren Seite. Zwischen filmischen Experimenten, introspektiven Essay-Filmen und assoziativen Dokumentation finden sich im Forum Special ein Programm zu KI-Kurzfilmen und im Hauptprogramm genre-artige Filme wie AnyMart und Ghost in the Cell bringen eine gewisse Leichtigkeit mit in die diesjährige Auswahl. Aber keine Angst, das Forum hat seine Wurzeln nicht vergessen, James Benning ist mit Eight Bridges auch wieder im Programm gelandet. Sich in einen Forumsfilm zu setzen, ist selten eine schlechte Idee, dieses Jahr vielleicht sogar noch weniger.

Eine der acht Brücken aus Eight Bridges © James Benning

Erfreulich ist außerdem, dass sich die Retrospektive in diesem Jahr unter neuer Leitung wieder etwas aufgefrischter präsentiert. Thema sind die 90er-Jahre und es ist so aufregend kuratiert, dass sich im Programm Spike Lee neben Filmemachern wie Harun Farocki befinden. Eine wilde Mischung, die es aber gerade erlaubt, dass Filme miteinander in Kommunikation treten können. Viel besser als die monotonen Reihen der letzten Jahre.

Wie immer also: ein breites Programm und kaum zu überblicken. Doch dafür sind wir ja da und wir haben in diesem Jahr einiges vor auf der Berlinale, sodass wir extra eine eigene Übersichtsseite erstellt haben. Dort findet ihr alle unsere Beiträge zum diesjährigen Festivalprogramm und zwei besondere Schmankerl, die wir uns überlegt haben. Erstens: Es gibt in diesem Jahr zum ersten Mal den Achssprünge-Kritiker*innenspiegel! Wir haben Filmkritiker*innen eingeladen, mit uns den Berlinale Wettbewerb zu schauen und zu bewerten. Auf der zugehörigen Seite findet ihr dazu alle Informationen und den jeweils aktuellen Stand. Am Ende werden wir sehen, welcher Film den goldenen Achssprünge Bären erhält. Zweitens: Wir sehen rund um die Berlinale unglaublich viele Filme. Nicht jedem kann ein eigener Text gewidmet werden, aber wir haben natürlich trotzdem eine Meinung zu ihnen! Dafür findet ihr auf der Übersichtsseite unseren Berlinale-Ticker, über den wir kurze Eindrücke vom Festival versenden. Es lohnt sich also, unsere Seiten regelmäßig zu besuchen, es gibt viel zu entdecken! 

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Achssprünge

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen