İlker Çataks neuer Film Gelbe Briefe, der erst am Samstag den Goldenen Bären auf der Berlinale gewann, handelt von zwei Künstlern in der Türkei, die ihre Anstellungen verlieren, weil sie sich regierungskritisch äußern. Eines Tages erhalten sie ihre Kündigungsschreiben in Form der titelgebenden gelben Briefe. Çataks inszenatorischer Kniff ist, dass die Handlung diegetisch zwar in der Türkei angesiedelt ist, profilmisch jedoch klar in Deutschland spielt. „Berlin ist Ankara“ steht es anfangs auch groß ins Bild geschrieben. Der Film erzählt so nicht nur vom Künstlerleben unter autoritären Bedingungen in der Türkei, sondern kann gleichzeitig auch als Warnung verstanden werden. Als Warnung davor, dass auch wir in Deutschland und eigentlich überall auf der Welt nicht sicher sind vor solchen autoritären Entwicklungen. Nun hätte wahrscheinlich niemand gedacht, auch nicht Jurypräsident Wim Wenders, als er Çatak den Goldenen Bären überreichte, dass diese Warnung nach nur vier Tagen zur Wahrheit werden würde.
Gestern sickerte am frühen Nachmittag durch, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in einer für heute Vormittag einberufenen Sondersitzung Tricia Tuttle als Berlinale Intendantin absetzen will. Der Grund: die Äußerungen mancher Künstler bei der Preisverleihung am Samstag. Insbesondere die pro-palästinensischen Äußerungen des Perspectives Gewinners Abdallah Alkhatib erzürnten einmal mehr das rechte Establishment. Und auch wenn die Entscheidung über Tuttle nun erstmal vertagt wurde, ist klar, was eine Demission der Intendantin bedeuten würde. Man muss es deutlich sagen: Das ist Zensur. Tricia Tuttle soll gehen, weil auf der Berlinale Künstler eine Meinung vertreten haben, die dem Kulturstaatsminister nicht genehm ist. Dabei verteidigte gerade Weimer noch eine Woche zuvor das Festival gegen die Vorwürfe, dass man den Diskurs zu Gaza unterbinden würde. Alle heiklen Themen würden hier angesprochen und es fände natürlich keine Zensur statt, klang es aus seinem Munde. Wie wenig diese Worte wert sind, merkt man jetzt. Dabei sollte eins klar sein: Es geht hier nicht darum, ob man mit den Worten Alkhatibs einverstanden ist. Sie sind von der Meinungsfreiheit gedeckt und es ist sein gutes Recht diese Meinung zu vertreten. Dazu gehört auch, dass es zu dieser Meinung ebenfalls Gegenrede geben darf und das ist auch alles so passiert. So funktioniert eine freie Gesellschaft. Was jedoch nicht sein kann, ist, dass eine Regierung in Reaktion auf kritische Äußerungen die Leitung einer Institution absetzt. Hier soll gezielt die Kunst- und Meinungsfreiheit eingeschränkt werden.

Die Folgen einer Absetzung von Tricia Tuttle wären zudem katastrophal. Es wäre das Ende der Berlinale, da muss man sich keine Illusionen machen. Gerade nachdem das Festival in diesem Jahr so unter Druck stand und sich von anderer Seite Vorwürfe der Zensur machen lassen musste. Wer auch immer ihr Nachfolger werden würde, stünde klar als ein Kandidat von Weimers Gnaden da, der unter der Devise arbeitet, kritischen Diskurs auf dem Festival zu verhindern. Kein*e Filmemacher*innen und kein*e Kritiker*innen mit Rückgrat sollten so einem Festival unter den Vorzeichen der Zensur noch beiwohnen. So ist es auch zumindest ermutigend, dass die Filmbranche schon gestern so entschlossen Reaktion gezeigt hat: mehrere offene Briefe, tausende Unterzeichner und Prominente Filmemacher wie İlker Çatak oder Tom Tykwer, die angekündigt haben, auf der Berlinale keinen Film mehr zu zeigen, sollte sich die Politik in dieser Form zensierend einmischen. Dass dies zumindest etwas Wirkung gezeigt hat, scheint durch die Vertagung der Entscheidung deutlich geworden zu sein. Man darf jetzt jedoch nicht nachlassen. Die Vorgänge dieser Tage zeigen, dass man für Kunst- und Meinungsfreiheit kämpfen muss, gerade jetzt wo rechte Ideologen die Regierungsgewalt innehaben. Denn am Ende des Tages geht es hier um mehr als nur die Berlinale. Es geht um die Zukunft der Kultur im gesamten und die steht unter Beschuss, wenn regierungskritische Positionen sanktioniert werden.
Für die Berlinale ist der Schaden indes so oder so angerichtet. Selbst wenn sich Tuttle im Amt halten kann, ist durch dieses Verfahren des Kulturstaatsministers die Drohgebärde aufgebaut: Wenn kritische Äußerungen fallen, die wir nicht mögen, machen wir den Laden halt dicht. Es sollte deshalb der gesamten Filmbranche klar werden, dass der Kampf um die Berlinale hier nicht aufhört. Es ist an der Zeit, dass man geschlossen dieses wertvolle Festival gegen den Einfluss der Politik verteidigt als Raum, in dem auch mal Positionen vertreten werden können, die einem selbst nicht gefallen. Denn wenn es diesen Raum nicht gibt, kommen die gelben Briefe bald bei uns allen an.

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