Ein wirkliches Highlight im Programm des Panoramas ist The Education of Jane Cumming von Sophie Heldman. Es ist ein Film, der im Schottland des frühen 19. Jahrhunderts spielt. Heldman erzählt hier die wahre Geschichte von Jane Cumming, die auf eine Mädchenschule kommt und sich dort zu den beiden Lehrerinnen hingezogen fühlt. Doch ihre Suche nach Nähe stößt irgendwann auf Widerstand und ihre Reaktion mündet in einem Gerichtsverfahren, dass über 100 Jahre unter Verschluss blieb, da man Angst hatte, das Wissen über gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen, könnte die Gesellschaft verderben. Heldman inszeniert hier aber keinen Gerichtsfilm, sondern erzählt eine Geschichte über die Suche nach Zugehörigkeit und Nähe in einer Welt, die dies eigentlich nicht zulässt. Es ist ein wirklich beeindruckender Film mit starken Bildern, der auch viel über seine Atmosphäre erzählt. Die kalte windige Landschaft vermittelt diese gesellschaftliche Strenge der Zeit, in der die Momente von Nähe und Wärme so plötzlich wie vergänglich sind. Ich sprach mit der Regisseurin Sophie Heldman und der Darstellerin von Jane Cumming, Mia Tharia, über ihren Film.

Frau Heldman, Sie studierten an der DFFB, 2011 kam ihr Debütfilm „Satte Farben vor Schwarz“ in die Kinos, seitdem sind 15 Jahre vergangen, nun feiert ihr neuer Film „The Education of Jane Cumming“ Premiere. Was ist in dieser Zeit passiert?
Sophie Heldman: Ich habe bereits 2012 mit der Recherche für dieses Projekt angefangen. Das war während der Eröffnung der Olympischen Spiele in Großbritannien, die Danny Boyle inszenierte. Es gab damals noch so ein Gefühl von „Cool Britannia“ und es war eigentlich noch gar nicht abzusehen, wie sich die Geschichte dreht. Doch dann kam der Brexit und daraufhin die Pandemie, was die Finanzierung und Vorbereitung erheblich erschwerte. Ich wollte diesen Film jedoch unbedingt mit europäischer Förderung machen.
Um Ihre eigene Vision umsetzen zu können?
Sophie Heldman: Absolut. Das britische System funktioniert anders als bei uns; dort gibt es viele Privatfinanziers, die dann auch inhaltlich stark mitreden wollen. Als ich an der DFFB studierte war Reinhard Hauff der Rektor. Als er die Goldene Lola für sein Lebenswerk erhielt, sagte er: „Guter Stil ist, wenn man was zu sagen hat.“ Das war mein Leitmotiv. Ich wollte meine „Autorenhandschrift“ bewahren und mit einer Produzentin arbeiten, Bettina Brokemper, die mir ermöglicht kreativ zu bleiben, so dass wir selbst entscheiden, wen wir casten, wer die Kamera führt, deshalb habe ich auf die europäische Förderung gewartet, auch wenn das Stillstand bedeutete. Letztes Jahr konnten wir endlich drehen.
Jetzt erscheint der Film in einer ganz anderen Zeit.
Sophie Heldman: Die Welt von heute ist nicht mehr das „coole Britannien“ von 2012. Die Richter im Film beispielsweise wirkten damals rein historisch. Es gibt heute jedoch politische Figuren, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen, die Spaltung betreiben und uns vorschreiben wollen, welche Geschichten erzählt werden dürfen.
Was macht die Geschichte für Sie aus?
Sophie Heldman: Diese Geschichte ist für mich wie ein Prisma, es gibt so viele Eintrittswinkel. Sie spielt zur Zeit der schottischen Aufklärung. Diese Epoche hat das Fundament unserer heutigen Gesellschaft gelegt. Alle Probleme, mit denen wir heute ringen, waren damals schon präsent. Ich wollte das unbedingt erzählen, und zwar nicht als romantische Geschichte, sondern als etwas Wahres, was es wirklich gab.
Sie beschäftigen dich in deinem Film mit einem echten Gerichtsfall von 1810. Was hat Sie daran interessiert?
Sophie Heldman: Die Richter damals waren komplett überfordert, weil weibliche Sexualität in ihrer Weltanschauung schlicht nicht existierte, solange sie nicht mit männlicher Penetration in Verbindung stand. Wenn zwei biologische Frauen Sex miteinander hatten, hatte das keine Konsequenz und fand daher in der Rechtsgeschichte kaum statt. Und das ist eigentlich erstaunlich. Das wissen auch nicht so viele Leute.
Nun sind in den letzten 15 Jahren queere Geschichten deutlich präsenter geworden im Kino. Gab es in dieser Zeit filmische Vorbilder, die Sie inspirierten?
Sophie Heldman: Ich habe mich besonders über das Werk von Céline Sciamma gefreut, die mit „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ wirklich ein Meisterstück hingelegt hat. Sie hat einen Aspekt, der auch in unserem Drehbuch vorkam, zum ganzen Thema ihres Films gemacht. Damit hat sie ein Bedürfnis beim Publikum abgeholt: den feministischen Blick darauf, wie Sexualität erzählt wird. Auch Lukas Dhonts Film „Close“ war wunderschön, wie er die Fragilität der Liebe zwischen Jungs vor der Pubertät thematisiert und definiert, wie tragisch es ist, wenn diese so berührende Nähe von außen ein Label aufgedrückt bekommt.

Haben Sie diese Filme, gerade von Sciamma, auch visuell inspiriert? Besonders Blicke scheinen bei Ihnen auch eine große Rolle zu spielen.
Sophie Heldman: Ich habe mich nicht direkt auf sie bezogen. Es hat viel mehr damit zu tun, dass es ein lesbisches Narrativ nicht gab. Es gab nicht nur 1810, sondern auch in den 80ern als ich großgeworden bin, keine Vorbilder. Diese Frauen mussten sich das selber zurechtlegen. So gesehen habe ich auch oft an das Genre des Westerns gedacht. Die Figuren betreten andauernd neues (emotionales) Territorium und wissen nicht, was auf sie zukommt.
Der Western ist ein gutes Stichwort, denn auch die Landschaft scheint bei Ihnen eine große Rolle zu spielen. Man spürt besonders zu Beginn diese raue, kalte Atmosphäre der Umgebung.
Sophie Heldman: Ich finde es total schön, dass das rüberkommt, denn es war auch echt kalt beim Dreh. Es war so kalt und dann habe ich mir die Muster angeguckt und gedacht man sieht überhaupt nicht, wie wir geschlottert haben. (lacht)
Es gibt dann aber auch immer wieder, ganz plötzlich teilweise, Momente der Wärme in Ihrem Film.
Sophie Heldman: Der Film wird über die Jahreszeiten erzählt, es geht im Winter los, geht über den Frühling und Sommer bis in den Herbst. Und was mich außerdem an dieser Geschichte fasziniert hat, ist, dass an der Oberfläche diese grundlegenden menschlichen Bedürfnisse stehen: ein Zuhause zu finden, zu lieben, wen du willst. Es ist eine Geschichte über „Wahlverwandtschaften“, wie Goethe es nannte – über die Liebe in all ihren Formen, aber auch über ihren Verlust. Das wollte ich erzählen.
Was hat Sie an der Figur von Jane Cumming so interessiert?
Sophie Heldman: Es geht in der Geschichte viel um Inklusion und Exklusion. Was bei Jane Cumming zusätzlich hinzukommt ist dieser intersektionale Aspekt. Es gab noch andere Männer aus dem britischen Establishment, die in Indien Kinder gezeugt haben und diese dann ohne ihre Mütter zurück nach Europa gebracht haben. Jane Cumming ist die Erstgeborene einer einflussreichen schottischen Adelsfamilie und wäre sie als Junge, weiß und ehelich geboren, hätte sie ein stattliches Vermögen geerbt, aber da sie ein „Lovechild“ ist, das eine indische Mutter hat, ist das nichts wert. Dieses Spannungsfeld hat mich interessiert.

Jane Cumming kommt ja dann in diese Mädchenschule, doch man merkt direkt, dass sie aufgrund ihrer Herkunft nicht auf einer Ebene mit den anderen Mädchen ist. Empfinden Sie das auch so?
Mia Tharia: Ich glaube, sie kommt als Außenseiterin dorthin, aber das ist etwas, was sie als Anglo-Inderin ihr ganzes Leben lang empfunden hat. Es gibt diese beiden Seiten an ihr. Das Gefühl, fremd oder anders zu sein, ist also nicht neu für sie. Sie kommt mit einer gewissen Zurückhaltung in diese Schule, weil sie diese Gefühle auch erwartet.
Jane Cumming ist als Figur anfangs auch sehr stumm.
Mia Tharia: Sie ist eine Beobachterin. Sie beobachtet ständig und versucht herauszufinden, ob Menschen eine Bedrohung für sie darstellen, um sich selbst zu schützen. Und ich denke, es ist auch eine Art Widerstandsfähigkeit: „Ich werde mich dir nicht unterwerfen, nur weil du mich nicht als gleichwertig ansiehst.“
Gibt es für Sie bestimmte Filme, die in der Vorbereitung auf die Rolle eine Rolle gespielt haben?
Mia Tharia: Das ist eine wirklich gute Frage. Vielleicht „Brief Encounter“, einer meiner Lieblingsfilme. Es geht dort um unterdrückte Liebe und darum, sich zurückhalten zu müssen. Man sieht die Anfänge einer subtilen Sehnsucht. Da der Film in den 1940er Jahren gedreht wurde, sprechen sie dort in einer sehr vornehmen britischen Art. Und ich glaube, das war sehr hilfreich. Denn ich habe eine ziemlich Londoner Stimme und musste ein wenig daran arbeiten.
Sie erzählt dann, sie sei eine indische Prinzessin. Ist das auch eine gezielte Lüge von ihr, um sich selbst zu behaupten? Sie wird später ja nochmal etwas ähnliches tun.
Mia Tharia: Ich denke, es ist eine Form der Protektion. Es ist fast so, als würde sie sagen: Wenn ich nicht zu ihnen gehören kann, werde ich etwas anderes sein. Etwas anderes, etwas Besseres. Aber es ist vielleicht auch nur Realitätsflucht. Sie ist 15. Wir alle erzählen Geschichten.
Sophie Heldman: Was mich an der Geschichte interessierte war, ganz menschlich gesehen, zu zeigen warum man macht, was man macht und es ist eine Einladung an das Publikum selbst zu entdecken, warum sie das erzählt. Warum sagt sie, dass sie eine Prinzessin ist? Ist sie eine Prinzessin, ist sie es nicht? Das ist auch bewusst offen gehalten. Historisch gesehen gibt es darüber hinaus nur sehr wenig Anhaltspunkte, die uns in das Leben von Jane Cummings Mutter blicken lassen.
Was zieht Jane Cumming dann zu den beiden Lehrerinnen?
Mia Tharia: Sie hat noch nie wirklich vollkommene Akzeptanz erfahren und beobachtet diese zarte Verbindung, die sie sehr interessiert. Sie ist ständig auf der Suche nach Licht und Wärme und einem Ort, an den sie gehört, und das überrascht sie. Und ich glaube, sie denkt: „Vielleicht könnte das mein Zuhause sein.“
Und dann wird sie abgewiesen. Ist ihre Reaktion darauf wieder eine Form der Selbstbehauptung?
Mia Tharia: Ich denke, es liegt ganz beim Publikum, zu versuchen, sich zu erklären, warum sie sich entschieden haben könnte, diese Lüge zu erzählen. Mein Eindruck ist, dass sie nicht böswillig ist. Ich glaube nicht, dass sie tatsächlich beabsichtigt, irreparablen Schaden anzurichten.
Zum Abschluss: Auf der Berlinale wird in diesem Jahr so viel über Politik und Film geredet. Ist Ihr Film ein politischer Film?
Mia Tharia: Die Vorstellung, dass Politik im Film nichts zu suchen hat, ist Unsinn. Ich denke, Film ist Widerstand und Rebellion, und ich glaube, dass die Anfänge des europäischen Films in der Kunst liegen. Kunst ist politisch, und wenn man sich in der Geschichte von Zensur ansieht, ist das Erste, was die Menschen tun, Kunst wegzunehmen oder abzuwerten und zu zensieren, Ich denke, dass alle Filme politisch sind.
Sophie Heldman: Ja, der Film ist auf jeden Fall politisch, aber er ist kein Statement-Film. Er lädt die Zuschauer ein, durch die Reise in die Vergangenheit zu entdecken, was sich gesellschaftlich verändert hat und wo die Parallelen zu unserer Gegenwart liegen. Die Geschichte ist so erzählt, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Zusammenhänge gibt. Die Ignoranz der Richter, die Überforderung, dass wir uns als Gesellschaft hin zu wirklicher Gleichberechtigung bewegen müssen, dass wir alle miteinander verbunden sind – all das ist politisch. Ich denke, dass das eine Geschichte ist, die dazu einlädt, darüber nachzudenken, was uns gesellschaftlich wichtig ist.
Vielen Dank für das Gespräch!
The Education of Jane Cumming erscheint am 29.10.2026 in den deutschen Kinos.

Kommentar verfassen