Die Bundeswehr – spätestens seit dem Krieg in der Ukraine steht sie im Zentrum des politischen Diskurses. Wir alle erinnern uns an die Zeitenwende Rede von Olaf Scholz, an das 500 Milliarden Euro Sondervermögen und die Wehrpflicht Debatten der letzten Monate. Doch was passiert eigentlich mit dem ganzen Geld, was in die „Wehrfähigkeit“ der deutschen Streitmächte geballert wird und wie bereitet sich die Bundeswehr nun auf den sogenannten Ernstfall vor, wenn der Russe vor unserer Haustür steht? Antworten findet man in „Schnöggersburg“, dem Setting von Marie Wilkes neuem Film Szenario, der im diesjährigen Forum seine Premiere feiert.

„Schnöggersburg“ klingt irgendwie ausgedacht und ist es auch ein wenig, denn hinter diesem Ortsnamen verbirgt sich ein Truppenübungsgelände der Bundeswehr in Sachsen-Anhalt, wo sich mit „Schnöggersburg“ unter anderem die größte militärische Übungsstadt Europas befindet. Doch der Film beginnt in der Garderobe. Hier werden gerade verwundete Soldaten geschminkt mit Fake-Blut und allem, was dazu gehört. Es wird nicht das einzige Mal sein, dass man an Hollywood denken muss, während man Szenario sieht. Dem Geschehen auf dem Übungsplatz folgt Wilke mit ihrer Kamera sehr nüchtern. Es sind meist weite, lange Einstellungen ohne Kommentar. Sie hält sich zurück, während sie in verschiedensten Situationen dabei ist. Anfangs sehen wir eine echte Übung, verwundete Soldaten schreien und werden abtransportiert, Schüsse werden abgegeben. Wir sehen außerdem Offiziers-Coaching oder Einweisungen für neue Rekruten. Stilistisch folgt Wilke dabei einer Dokumentarfilmschule, für die wohl Frederick Wiseman das prägendste Beispiel ist. Es wäre sicherlich einmal interessant Szenario mit den Wiseman Filmen Basic Training oder Missile in Verbindung zu setzen.
Wofür sich Wilke aber auch interessiert, sind Situationen, in denen die Bundeswehr auf Zivilisten trifft und hier zeigt sich auch der Wert, der in Szenario steckt. Denn es ist so: die Modellstadt Schnöggersburg hat wirklich alles: Häuser in den verschiedensten Architekturen der ganzen Welt, einen Sakralbau, der alle Religionen abbildet (darf man aber wegen der Genfer Konvention im Krieg leider nicht in die Luft sprengen) und sogar einen U-Bahntunnel mit drei Stationen. Hier lässt sich super Krieg üben und es interessiert natürlich auch die Außenwelt, was sich die Bundeswehr da hingebaut hat. Deshalb finden auch Führungen für Normalos über dieses Gelände statt und Marie Wilke begleitet auch die mit der Kamera. Interessant ist hier vor allem, wie sich die Sprache der Offiziere verändert, wenn sie mit Leuten von außerhalb sprechen. Da wird dieser Übungsplatz dann eher so präsentiert, wäre um die Ecke noch der Bagger-Erlebnispark Magdeburg oder die Bauten vom Filmpark Babelsberg. Ähnlichkeiten zu bestehen ja, es sind jeweils Kulissen. Doch Schnöggersburg wurde gebaut, um das Töten zu üben. Doch so direkt möchte man das nach draußen ja nicht kommunizieren. Da sagt man dann eher, dass man hier auch Waffen testet und „besser“ machen will, wobei Waffen ja aber nie gut seien. Alles mit Bauchweh. In einer besonders skurrilen Szene sehen wir, wie eine Besuchergruppe auch mal richtige Waffen in die Hand nehmen darf. Das ist Krieg zum Anfassen. Wenn eine 50-jährige Monika eine Panzerfaust auf der Schulter trägt, wird mit einem Schlag die Absurdität dieser ganzen Inszenierung deutlich.

Denn wir sehen ja auch, wie bei der Bundeswehr intern kommuniziert wird. Da ist dann kein Wort mehr davon, dass Waffen ja immer schlecht sind, eher wird freudig die Größe von Artilleriegeschützen bestaunt. Auch die Sprache ist dann eine ganz andere. Es geht darum möglichst effektive Treffer zu „wirken“ und den Feind zu „vernichten“. Es ist die große Leistung von Marie Wilkes Film, uns die Differenz von Innen und Außen bei der Bundeswehr zu zeigen. Denn das ist eine Differenz, die auch im öffentlichen Diskurs nicht immer offensichtlich wird, wenn beispielsweise über die Wehrpflicht diskutiert wird. Die Bundeswehr ist nämlich kein Erlebnisspielplatz, auf dem man mal ein bisschen klettern lernt. Doch dieses Bild vermittelt sie nach außen. Brigitte findet es im Moment mal lustig, eine Panzerfaust zu halten, doch in Wirklichkeit bedeutet sie für den Gegenüber oft den sicheren Tod. Diese Realität holt auch eine Gruppe Schüler ein, während sie durch einen nachgebauten Schützengraben geführt werden. Einer von ihnen fragt: „Was passiert, wenn hier jemand mit einer Panzerfaust drauf schießt?“ Da entgegnet der Offizier, dass man zumindest eine gewisse Überlebenschance hätte, wenn man sich noch schnell genug um die Ecke retten könnte.

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