Sie ist wieder da! Ulrike Ottinger kehrt nach langer Auszeit zum abendfüllenden Spielfilm zurück, ihr erster seit Zwölf Stühle von 2004. In der Zwischenzeit hat sie dokumentarische Arbeiten verschiedener Längen gemacht, diese überwiegen in ihrem Gesamtwerk auch gegenüber ihrer Spielfilme, jedoch sind es eben ihre nicht-dokumentarischen Filme, die Ottinger zu einer Ikone zum Ende des Neuen Deutschen Films wurde, vor allem Bildnis einer Trinkerin (1979), Freak Orlando (1981), Johanna d’Arc of Mongolia (1989) und Madame X – eine absolute Herrscherin (1978). Darum war die Bekanntgabe ihrer Rückkehr zum Spielfilm eine große Freude für Freunde ihres Werks. In ihren frühen Spielfilmen besticht Ottinger mit einer präzisen Mischung aus filmischem Surrealismus, opulenter Kostüm- und Setgestaltung, feinsinnigem Humor und politischen Pointen. Ihre Filme tragen literarische Dialoge und theatrale Schauspielleistungen mit sich, sind jedoch stets leichtfüßig und visuell überfrachtend schön ausgeschmückt (Ottinger war für die genannten Filme auch ihre eigene Kamerafrau). Nun also, 22 Jahre seit ihrem letzten Spielfilm das Comeback: Ein Film über die in jungfräulichem Blut badende ungarische Gräfin Erszebet Báthory mit Isabelle Huppert in dieser Rolle: Die Blutgräfin eben.

Wer hier einen auf bierernsten Horrorfilm aus ist, der seinem Publikum Angst einjagen möchte, ähnlich wie Robert Eggers‘ Nosferatu (2024), wird hier enttäuscht, jedoch kommen so ziemlich alle anderen Zuschauer auf ihre Kosten. Ottingers Film ist eine absurd-komische und in gleichem Maß grazil-anmutige Verhandlung des Vampir-Mythos auf höchstem Niveau. Ottinger hat ihr Handwerk nie verlernt, ihr Stil und ihre Eigenheiten sind hier ebenfalls unverkennbar, als wäre seit Johanna d’arc of Mongolia kein Jahr vergangen. Innerhalb weniger Minuten sollte klar sein, dass wo Ottinger draufsteht auch Ottinger drin ist. Dazu gehört an allererster Stelle natürlich eine Diva in der Hauptrolle, und wer sonst könne die Tradition von Tabea Blumenschein, Magdalena Montezuma und Delphine Seyrig besser weiterführen als die amtierende Grande Dame des französischen Kinos Isabelle Huppert. Von ihrer ersten Einstellung an zieht Huppert das Publikum in seinen Bann, sie strahlt Allüre und Schönheit in opulenten blutroten Kleidern mit ewiglangen Capes aus. Man wird auf der Berlinale in diesem Jahr kaum eine Frau finden, die derartig anmutig und elegant inszeniert wird, wie die Gräfin Báthory. Huppert spielt sie jedoch nicht nur als kalte Untote, sondern verleiht der Vampirin auch viel Humor, auf etwas Albernheit wird bei Ottinger natürlich nicht verzichtet. So folgt Báthory eine niedliche kleine CGI-Fledermaus auf Schritt und Tritt, und auch die Nebendarsteller wissen zu amüsieren.
Birgit Minchmayr als treue Zofin der Gräfin glänzt, aber besonders hervorheben muss man Thomas Schubert, der Außenseiter der Vampirfamilie Vegetarier ist und vom Kostüm vollständig in grünem Anzug mit passendem Zylinder und grünen Kontaktlinsen gekleidet wird. Nicht nur sieht er schon aus wie der österreichische Willy Wonka, er hat auch noch ein Faible für Buchteln und jedweitere Süßspeisen. Seine unsicheren, neurotischen Gesten und Verhaltensmuster stehen im Kontrast zur restlichen Sippschaft, die stets bedacht und selbstbewusst handelt. Unterstützt wird er von seinem Therapeuten, den Lars Eidinger spielt, und der zur Überraschung aller mal die normalste und am stärksten in der Realität verankerte Figur in seinem Film ist. Auf der Suche nach einem verschollenem Buch begegnen Báthory und ihre Zofe noch vielen weiteren exzentrischen Figuren, darunter zwei Vampirologen sowie einen Inspektor und dessen Gehilfe. Sogar Conchita Wurst beehrt den Film mit einem Gastauftritt und legt eine der besten Szenen des Films hin, mehr soll aber auch nicht verraten werden.

Ottinger meistert die tonale Gratwanderung exzellent, zu keinem Zeitpunkt kippt der Film in eine peinliche Farce um, der Film bewegt sich ständig mit viel Würde, jedoch auch ohne verstockt zu wirken. Ottinger reichert den Film auch mit einer Menge an geschichtlichen und kunsthistorischen Referenzen an (eine besonders prominent platzierte bezieht sich auf Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“), jedoch muss man diese auch nicht notwendigerweise verstehen, um den Film zu genießen. Allein die Darstellerinnen und Darsteller sowie Martin Gschlachts hervorragende Kameraarbeit in den spukhaften Wiener Gassen sind den Kinobesuch wert. Weshalb dieser Film außerhalb des Wettbewerbs läuft oder das Festival nicht eröffnet, ist ein Rätsel, dass wir nie lösen werden, denn Die Blutgräfin gehört zu den besten Filmen des diesjährigen Festivals. Schade, dass er nicht die Chance hat, als solcher geehrt zu werden.

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