Zur alljährlichen Oscartradition gehört ja hierzulande nicht nur die Preisverleihung, sondern schon davor die Übertragung vom Roten Teppich mit Steven Gätjen auf ProSieben. Auch wenn der inhaltliche Mehrwert davon meist sehr begrenzt ist, war es die letzten Jahre doch immer noch ziemlich unterhaltsam, wenn Gätjen den Hollywood Stars hinterherrief und ihnen irgendwelche Grüße nach Deutschland, am besten in ganz gebrochenem deutsch, entlocken wollte. Jedes Mal einen trinken, wenn er „Can you say something in German?“ sagt und man ist zu beginn der eigentlichen Zeremonie schon nicht mehr ansprechbar. Klar gab es auch immer die Stars, die Steven gekonnt ignoriert haben und worüber er sich dann ein bisschen beschwerte, aber das gehörte nunmal dazu.
Dieses Jahr war jedoch etwas anders. Nicht nur schien der Rote Teppich über weite Strecken nahezu verwaist, auch die internationalen Stars schienen diesmal wirklich gar keine Lust gehabt zu haben, mit Steven Gätjen zu sprechen. Die über zwei Stunden lange Übertragung vom Roten Teppich diente in diesem Jahr eher als Studie eines Mannes, der zusehends verzweifelte und dabei seine Würde immer mehr verlor. Am Ende führte Gätjen vielleicht fünf Interviews. Warum die Stars nicht mit ihm reden wollten, weiß man nicht. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus der ganzen Weltlage und nervösen PR-Agent*innen, die ihre Klienten nicht in politisch prekäre Fragestellungen jagen wollten. Vielleicht haben wir hier aber auch live in Action erlebt, was Strike Germany bedeutet? Der Satz „We’re live on german television!“ schien bei den Stars jedenfalls eher als Warnung verstanden worden zu sein. Dass man sich dieses Spektakel zwei Stunden lang ungeschnitten anschauen konnte, machte diesen Sonntagabend zu einem Demütigungsritual für Steven Gätjen, dem die Kontrolle immer mehr entglitt. Symbolträchtig ist sein Versuch, Ethan Hawke ein paar Worte abzujagen, der aber direkt abwank, als er merkte, dass Gätjens Frage länger als zwei Sätze ist. So viel Zeit ist nicht. Dieser Moment schaffte es auch direkt ins Internet. Viel würdeloser waren aber noch ganz andere Versuche Gätjens, irgendwie an O-Töne zu kommen. Irgendwann streckte er sein Mikro einfach hinüber zu den amerikanischen Kollegen, die natürlich ständig Promis der Kamera hatten und mit denen lustige Trinkspiele spielten, während Steven auf dem trockenen saß.
So ereignete sich auch der Tiefpunkt des Abends als Wagner Moura den amerikanischen Kollegen nebenan Rede und Antwort stand. Gätjen, zu diesem Zeitpunkt schon der Verzweiflung nahe, schien offenbar die besten Chancen auf einen O-Ton Mouras, darin zu sehen, ihn nach dem verstorbenen Udo Kier (der in The Secret Agent noch eine Nebenrolle hatte) zu befragen. Und so wiederholte Gätjen „Can you say something about Udo Kier?” rund ein Dutzend Mal, während Moura mit dem Rücken zu ihm stand. Doch der schien ihn zu ignorieren. Gätjen probierte es weiter: „Udo Kier, he died!“, aber keine Reaktion. Moura geht weiter ohne Gätjen eines Blickes zu würdigen und der ruft noch einmal: „But he died, he’s dead!“ In diesem Moment möchte man am liebsten in der eigenen Couch versinken. Das haben alle Beteiligten nicht verdient, schon gar nicht Udo Kier.
Es kommt dann ein Punkt, an dem man sich fragt, wozu ProSieben dieses ganze Theater am Roten Teppich noch mitmacht. Dafür, dass die Stars nicht zu ihm kommen, kann Steven Gätjen wahrscheinlich gar nichts, aber dass man sich dann zwei Stunden lang vor laufender Kamera so entblößt und nicht einmal mehr die Toten noch heilig sind, ist dann wirklich ein organisatorisches Totalversagen und auch ein Scheitern von Gätjen als Moderator. Besonders weil bei Gätjen die inhaltliche Tiefe auch zu wünschen übriglässt. Über die Filme kann er uns abseits von den Stars wenig Gewinnbringendes erzählen. Man erinnert sich dann daran, dass hier der Mann steht, der letztes Jahr auf Instagram The Brutalist zu seinem schlechtesten Film des Jahres gewählt hat mit der Begründung „Da ist einfach alles schlecht.“
Wie man so einen Abend auch in Würde begleiten kann, zeigt ein Blick zu unseren Nachbarn in Österreich. Da laufen die Oscars nämlich noch beim ORF und da spielt man dieses Spielchen mit den Stars gar nicht erst mit. Stattdessen sitzt dort in den Werbeunterbrechungen der Oscarzeremonie Alexander Horwarth im Fernsehstudio und bespricht ernsthaft und seriös die nominierten Filme mit seiner Kollegin Lillian Moschen. Dabei sagen die beiden so intelligente Dinge, bei denen man in Unglaube verfallen würde, wenn sie aus dem Munde Steven Gätjens kommen würden und es entsteht gleichzeitig sogar ein inhaltlicher Mehrwert. Von so einer Art des Filmdiskurses sind wir in Deutschland und gerade bei ProSieben leider weit entfernt. Stattdessen schauen wir einmal im Jahr zu, wie sich Steven Gätjen auf offener Bühne immer mehr zum Affen macht, damit Dwayne Johnson oder so mal „Guten Tag!“ in die Kamera sagt. Mich würde mal interessieren welche Zielgruppe sich die Oscars überhaupt noch live schaut. Das können doch eigentlich nur so hoffnungslose Cineasten sein wie meinesgleichen. Der Rest liest am nächsten Tag die Ergebnisse nach und schaut die Highlights auf Instagram. Da könnte man bei ProSieben doch mal drüber nachdenken, ob man uns dann mal ein Programm gibt, das wenigsten ein bisschen Anspruch hat.

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