Die Gentrifier ziehen ein – Allegro Pastel im Berlinale Panorama

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Wer in der Schule gut aufgepasst hat, kann sich wahrscheinlich noch an die fünf Phasen der Gentrifizierung erinnern, wem der Geografieunterricht jedoch nicht mehr so präsent sein sollte, dem sei es hier noch einmal kurz zusammengefasst: Prinzipiell beschreibt dieses Modell, wie Stadtviertel gentrifiziert werden und letztendlich kennen wir es ja alle aus erster Hand, insofern wir in einer Großstadt leben. Zuerst kommen die Pioniere, meist arme, linke Studenten und machen ein Viertel cool, dann ziehen immer mehr Pioniere dahin, bis im dritten Schritt die Gentrifier einziehen und das Viertel richtig teuer machen. Die Gentrifier sind „z.B. Yuppies, ledig und alleinlebend, leitende oder mittlere Angestellte mit höheren Flächenansprüchen“. Und um genau diese Gentrifier geht es in Allegro Pastel von Anna Roller, der auf der Berlinale im Panorama seine Premiere feiert.

Filmstill aus Allegro Pastel © Felix Pflieger
Tanja Arnheim und Jerome Daimler gespielt von Jannis Niewöhner und Sylvaine Faligant | © Felix Pflieger

Allegro Pastel ist ein Milieufilm über eben diese Gentrifier-Gruppe und die beiden Hauptfiguren, die Autorin Tanja Arnheim und der Webdesigner Jerome Daimler sind so mehr als einfach nur Figuren, sie sind Symbole, für dieses Milieu. Die beiden führen eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Frankfurt, intensive Begegnungen mit viel Sex wechseln sich ab mit Phasen der Distanzierung, in denen die beiden hauptsächlich per E-Mail kommunizieren. Zwangsweise wird sich auseinandergelebt und auch betrogen. Allegro Pastel erzählt die Geschichte von Menschen in ihren Dreißigern, die sich auf nichts festlegen können. Es geht ihnen gut: in der ersten Einstellung des Films liegen die beiden im Bett nach dem Sex und Tanja Arnheim sagt, dass sie wohl noch nie glücklicher war in ihrem Leben. Bis auf ihr Liebesleben scheinen diese Figuren keine Probleme zu haben. Sie kommen aus gebildeten Haushalten, leben in geerbten Häusern und sind wohl wirklich die Verkörperung von weißen Privilegien. Trotzdem sind sie unfähig dazu, Beziehungen zu führen, oder wollen es nicht, Monogamie ist ja auch irgendwie konservativ. Da es ihnen aber Materiell so gut geht, hat sich auch eine gewisse Entpolitisierung eingeschlichen. Tanja Arnheim sitzt einmal im Taxi und erzählt dem Fahrer, der ein ehemaliger Antifa ist, dass sie mal eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Social Housing für Alle“ geschrieben habe. „Besser als nichts“ erwidert der Fahrer dann leicht verächtlich.

Sylvaine Faligant als Tanja Arnheim | © Felix Pflieger

Wie schon die Buchvorlage von Leif Randt (der hier auch das Drehbuch geschrieben hat) oszilliert der Film zwischen Nähe und Distanz zu seinen Figuren. In seinen besten Momenten schafft es Allegro Pastel wirklich einen distanziert-satirischen Blick auf dieses Milieu zu richten. Besonders die Inszenierung unterstreicht noch einmal, was für glatte und, ja, auch unerträgliche Menschen wir hier sehen. Dass Anna Roller tolle Bilder inszenieren kann, zeigte sie schon mit ihrem Debüt Dead Girls Dancing und auch Allegro Pastel sieht wieder toll aus. Es sind ganz bewusst cleane und glatte Bilder und es ist auch ein Film über Oberflächen. So wie die Figuren zu großen Teilen Oberflächen sind. Sie leben in ihren perfekt eingerichteten Wohnungen, wo sogar der Sodastream in der teuren Designversion daherkommt und sie tragen bis ins letzte Detail durchgestylte Outfits. Ganz besonders Sylvaine Faligant verkörpert Tanja Arnheim wirklich exzellent dabei. Jedoch geht der Film nicht nur auf Distanz zu seinen Figuren, sondern nimmt auch ihre Gefühle ernst und gesteht ihnen auch inszenatorisch Mitgefühl und Wärme zu. Das zeigt sich unter anderem in dem sehr sanften Score, den Roller zweitweise über ihre Bilder legt. Fast unvermeidbar bei Literaturverfilmungen scheint außerdem das Voice-Over zu sein, hier passt es sich aber ganz gut ein, da Jerome Daimler und Tanja Arnheim hauptsächlich per Mail kommunizieren. Das Changieren zwischen Nähe und Distanz in der Inszenierung mag für manche etwas unentschlossen wirken, doch es ist auch ein wenig der Reiz des Films, der uns diesen ironischen Blick erlaubt, ohne dabei jedoch zynisch zu werden.

Filmstill aus Allegro Pastel © Felix Pflieger
Jannis Niewöhner und Sylvaine Faligant umarmen sich | © Felix Pflieger

„Germanys Next Love Story“ steht auf dem Poster von Allegro Pastel was uns schon zeigt, dass wir es hier auch mit einer Gesellschaftsbeobachtung zu tun haben, und die gelingt durchaus. Man muss diesen Film so lesen, denn dann ist er wohl am fruchtbarsten. Bisher hat sich noch kein Film so explizit diese Blase von wohlhabenden Großstadtbewohnern vorgenommen, die ihre Bindungsunfähigkeit auf Partys mit Drogen übertünchen. Eine Blase von Menschen, die gerne progressiv und hedonistisch lebt, sich vor dem älter werden fürchtet, die eigene Rolle im großen miteinander aber auch nicht zu sehr hinterfragen mag. Denn es lebt sich ja bequem. Wenn Tanja Arnheim und Jerome Daimler bei dir im Haus einziehen, ist es schon zu spät.

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