Was geht bei den jungen Leuten? Die Sektion Perspectives auf der Berlinale 2026

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Also, Perspectives. Ich mag die Sektion ja irgendwie. Da man hier keinen Namen vorher wirklich kennt, geht es darum zu entdecken und neugierig zu sein, was ja auch das Schönste an Filmfestivals ist. Außerdem sind Debütfilme selten länger als zwei Stunden. Aber auch für diese junge Sektion ist es erst das zweite Jahr und wie schwer so ein zweites Jahr werden kann, wissen wir spätestens nach dem ganzen Trubel dieser Ausgabe, Stichwort Politik. Da stellt sich gerade bei den jungen Filmemacher*innen die Frage: wie politisch sind die Filme? Beziehungsweise: Welchen Raum findet das politische in den Filmen? Andererseits möchte man aber auch frische Stimmen und neue Formen in dieser Sektion sehen, vielleicht ist das Wie besonders bei Debütfilmen viel interessanter als das was.

Hier wird gerade eine Zigarette geklaut in Chronicles from the Siege | © Issaad Film Productions
Hier wird gerade eine Zigarette geklaut in Chronicles from the Siege | © Issaad Film Productions

Als ich zuerst auf das Perspektives Programm für dieses Jahr geschaut habe, hatte ich schon den Eindruck, dass es diesmal politischer kuratiert ist. Es sah sehr so aus, als würden in diesem Jahr dort die Themenfilme dominieren. Besonders zwei Filme sprangen direkt ins Auge: Where To? vom israelischen Regisseur Assaf Machnes und Chronicles from the Siege vom syrisch-palästinensischen Regisseur Abdallah Alkhatib. Zwei Filme, die sich um den Themenkomplex Israel-Palästina drehen, der ja auch in diesem Jahr hier wieder den meta-Diskurs bestimmte. Where To? nimmt dabei eine Außenperspektive ein. Der Film spielt in Berlin, zunächst vor dem 7. Oktober und dann auch noch in den Monaten danach. Wir begleiten einen palästinensisch-stämmigen Taxifahrer bei seinen Fahrten durch Berlin. Er nimmt irgendwann immer wieder denselben Israeli mit und die beiden lernen sich kennen. Der Film möchte den Israel-Palästina Konflikt wieder auf so eine zwischenmenschliche Ebene holen und uns sagen, dass wir ja auch alle nur Menschen sind. Das ist im Kern natürlich der humanistisch richtige Ansatz, aber man hat auch den Eindruck, dass es sich der Film damit ziemlich einfach macht. Dem wirklichen Konflikt scheint man aus dem Weg zu gehen und so wirkt das dann tatsächlich etwas unpolitisch in seiner Form. Dabei hilft auch nicht, dass der Film keine interessanten Bilder in der Berliner Nacht findet.

Eine Art von Innenperspektive sehen wir dagegen in Chronicles from the Siege der aus dem besetzten Palästina erzählt, wobei er nicht dort gedreht ist, wie sich versteht. Der Film ist eine Sammlung von kurzen Erzählungen vom Leben unter der Besatzung. Die kurzen Geschichten handeln von Plünderzügen durch die Trümmer einer Stadt, die dem Setting eines apokalyptischen Films gleicht, hier könnten auch gleich Zombies um die Ecke kommen. Wir sehen Menschen, die sich um eine einzige Zigarette streiten, aber auch einen vermeintlich banalen Streit unter Paaren. Wir sehen: auch dort geht das Leben weiter, irgendwie. Der Film endet dann in der eindrücklichsten Sequenz in einem Krankenhaus, dass komplett am Limit läuft. Ab und an sieht man dem Film seine begrenzten Mittel an, aber seine Methode funktioniert. Er ist auch nicht so billig affizierend wie zuletzt The Voice of Hind Rajab.

Doch abgesehen von diesen beiden Filmen gibt es in der diesjährigen Auswahl eine Reihe von Filmen, die zunächst durch ihr Thema herausragen wollen. Da wäre Hangar rojo von Juan Pablo Sallato, der sich mit dem Militärputsch 1973 in Chile auseinandersetzt. Leider verfällt der Film in recht konventionelle Erzähl- und Inszenierungsmuster, trotz oder vielleicht gerade durch den ausgestellten schwarz-weiß Look. Bei Truly Naked von Muriel d’Ansenbourg geht es hingegen um einen Jugendlichen, dessen Vater Pornodarsteller ist und für ihn auch die Kameraarbeit übernimmt. Gleichzeitig verliebt sich der Sohn aber auch in eine Klassenkameradin. Es ist klar, was dieser Film vermitteln will: es geht um ein von Pornos gestörtes Verhältnis zu Sexualität. Was durchaus transgressive Bilder hätte produzieren können, kommt dann leider viel zu didaktisch daher. Die Figuren sind zu überzeichnet und klar als Verkörperung einer Perspektive zu verstehen und auch die Bilder sehen größtenteils eher wie die einer BBC-Serie aus. Was allerdings recht gut funktioniert, ist die Liebesgeschichte, die der Film erzählt. Man hätte sie gerne ohne den didaktischen Lehrfilm drumherum gesehen.

Schauprozesse in Der Heimatlose | © Florian Mag
Schauprozesse in Der Heimatlose | © Florian Mag

Angst, dass es arg in den Lehrfilm abdriftet, hatte ich auch beim Film Der Heimatlose von Kai Stänicke, welcher die Sektion eröffnete. Ein Mann kehrt zurück in sein Heimatdorf auf einer einsamen Insel, doch die Leute, die dort leben, scheinen ihn nicht mehr zu erkennen. Also findet ein Prozess statt, der ermitteln soll, ob Hein wirklich Hein ist. Dass diese Geschichte etwas Symbolisches haben soll macht der Film ziemlich klar deutlich. Diese Inselgemeinschaft wird uns als total isolierter Ort gezeigt. Die Häuser sind nur Kulissen, bestehend aus zwei Außenwänden ohne Dach. Dieses Setting soll nicht real sein, es dient eher als Bühne und so stellt sich folgerichtig die Frage, was auf ihr verhandelt werden soll? Es ist schnell klar: die Inselbewohner verdrängen etwas, wohl die eigene Geschichte? Schnell kommt dieses böse Gefühl auf, dass wir hier wieder nur eine weitere Parabel auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung sehen, aber mit dem Verlauf des Films gehen weitere Perspektiven auf. Klar, Erzählungen über in sich verschlossene Dorfgemeinschaften haben wir im deutschen Kino schon viele, aber hier geht es am Ende auch darum, dass man die Heimat manchmal einfach hinter sich lassen sollte.

Es gibt dann auch noch ein paar Filme, die sich als Formexperimente beschreiben lassen, wie zum Beispiel A Prayer for the Dying von Dara Van Dusen. Ein Western über eine Stadt, in der eine Krankheit ausbricht und einen Bewohner nach dem anderen dahinsiecht. Der Film scheitert aber an seinem Erzählversuch und wird erst zum Schluss visuell interessant. Ein wahrer Horrortrip ist der Film 17 von Kosara Mitic. Zu Beginn sehen wir, wie die 17-jährige Sara von zwei ihrer Mitschüler vergewaltigt wird. Danach geht es auf Klassenfahrt und irgendwann merken wir, dass Sara Schwanger ist und das so gut es geht, versteckt. Über diesen Film könnte man hervorragende Erstsemesterarbeiten in der Filmanalyse zum Thema Fokalisierung schreiben. Die Hauptfigur ist in fast jeder Einstellung im Close-Up zu sehen, der Fokus auf ihrem Gesicht, der Hintergrund unscharf. Wir erleben die Klassenfahrt mit ihr und es wird auch zunehmend unerträglicher, bis es am Ende in einer unfassbar intensiven Szene gipfelt. Dabei zieht der Film auch viel Stärke aus dem Schauspiel von Hauptdarstellerin Eva Kostic. Was hier an narrativer Innovation fehlt, macht der Film durch seine unheimlich affizierende Darstellung wieder wett. Es ist zumindest mal eine herausfordernde Seherfahrung, über deren abschließende Bewertung ich mir noch uneins bin.

Rita Pauls Milo Barría in The River Train | © Cinco Rayos
Rita Pauls Milo Barría in The River Train | © Cinco Rayos

Doch kommen wir einmal zu den wirklichen Entdeckungen des diesjährigen Sektionsprogramms. Drei Filme stechen in diesem Jahr besonders hervor. Da wäre zum einen The River Train von Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale aus Argentinien. Das ist ein wunderbar sympathischer Film über einen neunjährigen Jungen, der genug hat von seinem Zuhause, deshalb eines Tages ausbüxt und mit dem Zug in die große Stadt fährt. Der Film kommt unheimlich leichtfüßig daher und hat eine stilistische Verspieltheit, der man wirklich das Spaß am Filmemachen ansieht, ohne dass es zur bloßen Spielerei verkommt. Wir begleiten den Jungen dann auf seinen kleinen Abenteuern in der großen Stadt. Der Film will aber gar nicht realistisch erzählen, sondern webt auch hier und da ein surreales Element mit ein. Das argentinische Kino ist trotz aller Widrigkeiten sicherlich immer noch das interessanteste in Südamerika und durch diesen unbeschwerten Erzählstil nimmt man dem Film die etwaige narrative Schwäche auch nicht so übel.

Wenn sie damit im Programm geworben hätten, wäre ich da früher rein: Salomé Richard und Arthur Marbaix in Forest High | © The Blue Raincoat
Wenn sie damit im Programm geworben hätten, wäre ich da früher rein: Salomé Richard und Arthur Marbaix in Forest High | © The Blue Raincoat

Ein wenig ums Ausreißen geht’s auch in Forest High von Manon Coubia, wobei die Figuren hier weniger vor etwas wegrennen, als etwas zu suchen. Sie scheinen alle irgendwie die Einsamkeit zu genießen, hoch oben in den Alpen in einer kleinen Wanderhütte. Der Film ist in drei Kapitel geteilt, in dem jeweils eine Frau im Mittelpunkt steht, zu Beginn eine junge Frau, am Ende eine ältere. Diese Frauen erscheinen uns zunächst als Einzelgängerinnen, doch machen sie während ihrer Kapitel jeweils Begegnungen. Die eine trifft einen Birdwatcher und liegt irgendwann nackt mit ihm im Wald, die andere wird in ihrer Hütte von einem Wehrdienstverweigerer überrascht. Es geht also ums Zwischenmenschliche, aber es geht auch um die Beziehung, die die Menschen mit ihrer Umgebung eingehen. Die Alpenlandschaft, die wirklich toll analog eingefangen wird, spielt eine bedeutende Rolle, weil sie auch für alle Figuren ein Lebensmittelpunkt zu sein scheint. Auch die Jahreszeiten sind wichtig. Spielt die erste Geschichte, wo sich die junge Frau und der Mann nahekommen noch im satten Grün des Sommers, ist es am Ende schon kalter Winter. Die Bildsprache und das Erzähltempo ist hier so souverän, dass man es kaum für einen Debütfilm halten mag. Visuell muss man gerade anfangs an Kelly Reichardts Old Joy denken und irgendwie ging mir Bas Devos‘ Here nicht aus dem Kopf. Wahrscheinlich, weil es bei beiden Filmen um ein menschliches Näherkommen in der Natur geht.

Klassengesellschaft auf dem Golfplatz in Filipiñana | © Potocol, Ossian International, Epicmedia, Easy Riders, Idle Eye
Klassengesellschaft auf dem Golfplatz in Filipiñana | © Potocol, Ossian International, Epicmedia, Easy Riders, Idle Eye

Das einsame Highlight im Programm und damit auch die größte Entdeckung dieses Jahr ist Filipiñana von Rafael Manuel. Es geht hier um die 17-jährige Isabel, die auf einem philippinischen Golfresort als Tee-Girl arbeitet. Die Aufgabe von Tee-Girls ist recht einfach beschrieben: sie legen den Golfen bei den Abschlagsübungen neue Bälle hin. Was Filipiñana auszeichnet, ist, wie durch Form und Atmosphäre von Klassen- und Geschlechterdifferenzen erzählt. Die Bilder sind klar, wunderschön gefilmt und vermitteln die Hitze der Philippinen sehr eindringlich. Stilistisch scheint Wes Anderson zunächst der naheliegende Vergleich, jedoch sind die Bilder hier mit Subtext aufgeladen und erzählen allein schon durchs Framing so viel über die Verhältnisse auf diesem Golfplatz. Allgemein ist Filipiñana als Film zu verstehen, der sich durch seine Form erzählt, der seinen Bildern Raum gibt und genau das macht ihn zu so einer erfrischenden Entdeckung. Man müsste an diesen Film wirklich mit Gernot Böhme herangehen: Atmosphären werden bewusst gemacht und so ein Golfplatz ist das exemplarische Beispiel für von Hand geschaffener Landschaft, die aber gleichzeitig auch Klassenunterschiede abbildet. Dass der Film diese Künstlichkeit der Landschaft dort so explizit ausstellt, ermöglicht es uns, sie zu dekonstruieren. Gerade für einen Debütfilm ist diese ausgereifte Form der Inszenierung beeindruckend. Mit seinem nächsten Film möchte ich Rafael Manuel im Berlinale Wettbewerb sehen!

Was die besseren Filme der Sektion vereint, ist dass sie allen voran visuell erzählen möchten. Man sieht hier auf den ersten Blick gar nicht, was genau diese Filme erzählen wollen. Das sind alles keine Themenfilme, was sie aber nicht flach macht, sondern ihnen gerade dadurch eine Tiefe verleiht, da ihre Bilder einen Subtext haben, den man sich als Zuschauer auch ein bisschen erarbeiten muss. Und dann kann es bisweilen viel politischer werden als bei den Filmen, die sich von vornherein so geben. Man muss diese Stimmen fördern, die nicht bloßes Themenkino machen und uns mit ihrer einfachen Botschaft beeindrucken wollen. Viel befriedigender ist es doch, einen Film zu sehen, der es seinem Publikum zumutet, ihn ästhetisch zu verstehen. Wie schon im letzten Jahr verlässt man die Perspectives Sektion mit einem ungewissen Blick in die Zukunft, da wir noch nicht wissen, wie sich die Filmemacher*innen weiterentwickeln. Aber eins wird dieses Jahr schon deutlich: Politik und Film gehören natürlich zusammen, das weiß auch, oder gerade, die junge Generation. Man findet in den Perspectives Filmen viel, gerade in denen, die auf den ersten Blick gar nicht danach aussehen. Man muss sie sich nur anschauen.

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