Acht Oscarnominierungen hat sich das Team rund um Chloe Zhaos gefeierten Film Hamnet letzte Woche einsacken können, darunter Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Hauptdarstellerin. Wer die Reise dieses Films mitverfolgt hat, wird nicht überrascht sein, denn seit seiner Premiere beim Telluride Film Festival sind die Lobeshymnen kaum zu ignorieren. Dass zwischen tatsächlich sehenswerten Filmen und solchen, die Oscars gewinnen, oft ein Unterschied liegt, sollte spätestens nach dem CODA Sieg 2022 allen klar sein. Chloe Zhao selbst hatte bereits im Vorjahr mit Nomadland die Trophäe für den Besten Film gewonnen und gibt sich mit Hamnet größte Mühe, diesen Erfolg zu replizieren. Dass Zhao zwischen diesen beiden Filmen den katastrophalen Marvel-Film Eternals gedreht hat, wird dabei jedoch gerne ignoriert.
Zhaos Film ist eine Verfilmung des gleichnamigen Buches von Maggie O’Farrell, der anhand von biografischen Eckdaten versucht, die Entstehung von William Shakespeares Tragödie Hamlet zu rekonstruieren. Die Handlung konzentriert sich dabei größtenteils auf Williams (Pauls Mescal) Frau Agnes, gespielt von Jessie Buckley, und ihre Perspektive von ihrem ersten Treffen mit dem legendären Dichter bis hin zur Uraufführung von Hamlet. Sie verlieben sich und aller Widrigkeiten aus dem Elternhaus und der finanziellen Lage zum Trotz finden sie zusammen, heiraten und bekommen drei Kinder. Um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren zu können, zieht William später allein nach London, Agnes bleibt mit den Kindern in der Heimat. Als Agnes‘ und Williams Sohn Hamnet überraschend an einer Krankheit stirbt, treibt sich ein Keil zwischen das Paar. Jeder von ihnen trauert auf eigene Weise, William zieht sich weiter und weiter in seine Arbeit zurück, während Agnes von ihren Gefühlen übermannt und immobilisiert wird. Aus dieser Trauer heraus, so die These des Films, schreibt Shakespeare später sein bekanntestes Stück, Hamlet. (Die Namen Hamlet und Hamnet seien seiner Zeit austauschbar gewesen, so eine Texttafel zum Anfang des Films.) Agnes besucht die Uraufführung von Hamlet und findet durch das Stück ihres Mannes einen Weg, ihren Schmerz zu verarbeiten.

Die Oberfläche des Films ist perfekt poliert: Die Kameraarbeit des meisterhaften DOP Łukasz Żal fängt Jessie Buckley und Paul Mescal in den satten Farben des Waldes und den gedeckten Tönen der Innenräume ihrer Wohnung ein. Sie werden dabei stets im Kontext ihrer Umgebung in weiten Einstellungen gezeigt: Agnes vor allem im Freien umgeben von der Natur, William oft drinnen, am Tisch über dem Pergament brütend. Genauso ist Max Richters Musik einfühlsam und wirkungsvoll emotional, jedoch tritt der Film in ein Fettnäpfchen zum Ende hin und spielt Richters On the Nature of Daylight, ein Stück, das bereits zu oft in anderen Filmen und Serien wie Arrival, Shutter Island, The Last of Us, The Handmaid’s Tale und unzähligen Kurzvideos auf Instagram und TikTok verwendet wurde und zu einem billigen Klischee verkommen ist. Dieses Stück beim emotionalen Höhepunkt des Films zu spielen untergräbt die Szene enorm, warum Richter hierfür nicht etwas neues komponiert hat, ist unerklärlich. Die großen Stars des Films sind aber Jessie Buckley und Paul Mescal, er ist eher zurückhaltend und spielt die Verschlossenheit seiner Figur sehr überzeugend mit kleinen Gesten, die große Wirkung entfalten, während Buckley die komplette Bandbreite menschlicher Gefühle auf der Leinwand entfesselt. Sie spielt in großen Gesten, besonders der Tod ihres Sohnes ist an Theatralik und Geschrei kaum zu übertreffen, während sie in anderen Szenen hingegen mit einem Flüstern teilweise mehr sagt. Es ist eine sehr blanke Performance von großen Emotionen, die nicht abzustreiten ist, aber auch doch sehr wie eine Oscar-Performance wirkt. Teils wäre weniger mehr gewesen, es ist doch sehr deutlich ein PERFORMANCE, auf die selbe relativ direkte Art und Weise wie das Ende das Publikum extrem stark emotional erreichen will.
All diese Aspekte sind für sich schön anzusehen und tragen den Film als audiovisuelles Gesamtes, jedoch liegt Hamnets Problem nicht in der Umsetzung. Die Grundfrage, mit der man Hamnet begegnen muss, lautet: Warum muss diese Geschichte erzählt werden? Shakespeares Hamlet ist ein Stück welches abertausende Male akademisch zerpflückt und zu Tode analysiert und besprochen worden ist, sodass eigentlich fast nichts produktives dazu mehr gesagt werden kann. O’Farrell und Zhao verneigen sich offenkundig vor Shakespeare und seinem Werk, seine Figur bleibt durch den Film weg geerdet, wird jedoch auch stark mythologisiert und als leidender, zurückgezogener Künstler abgebildet. Damit bedient der Film eines von zwei Klischees, die ihn davor zurückhalten, etwas tatsächlich interessantes über Hamlet auszusagen: Shakespeare fällt in das Stereotyp des einsamen Genies, ins Schreiben vertieft und mehr in seiner Arbeit lebend als in der Realität. Es gibt auch einige Szenen, in denen er als Familienvater auftritt und dieses Bild des Mythos William Shakespeare bricht, jedoch entwickelt er sich besonders in der zweiten Hälfte des Films zurück zu dem unantastbaren Eremiten, als der er aus moderner Perspektive gerne gezeigt wird. Anstatt diese Persönlichkeit freizulegen oder zu hinterfragen gibt sich Hamnet damit zufrieden, bestehende Ansichten zu bestärken und den Mythos weiterzuspinnen. Wir erfahren nichts tatsächlich neues über ihn, noch wird die Figur neu oder produktiv aufgegriffen.

Hinzu kommt der zweite Fehltritt, die Annahme das große Kunst stets autobiografisch verankert sein muss. Das Stück Hamlet wird herunter reduziert auf eine rein autotherapeutische Ebene, als Möglichkeit für William Shakespeare den Tod seines Sohnes zu verarbeiten. Somit wird die Kunst entwertet: Sie wird zum Austragungsort der Gefühlswelt des Autors banalisiert. Diese Verbindung ist eine, die O’Farrell selbst herstellt, in der Shakespeare Forschung wird das Buch stark debattiert, es handelt sich immer noch um eine fiktive Geschichte, die an bestehende Fakten herangedichtet wird und ist damit reine Spekulation. Kunst ist nicht mehr oder weniger wert, wenn sie für den Autor eine persönliche Bedeutung hat und Hamnets These ist der Gipfel der Banalität. Hamlet ist ein großes Werk und lesens- und sehenswert, ob es für Shakespeare persönlich wichtig war oder nicht. Die Psychologisierung der Kunst ist eine moderne Plage, nichts darf mehr für sich stehen, jedes Buch und jedes Gemälde muss als Auswuchs des psychologischen Zustands seines Erschaffers verstanden werden.
Hamnet erinnert in seinem Ansatz an eine weitere kulturelle Praxis, die an bestehende Geschichten anknüpft und diese weiterspinnt bzw. in neue Richtungen ausformuliert: Die Fanfiction. Bei dieser immersieren sich Autoren in einer zuvor bestehenden Geschichte mit Figuren und Narrativen und spinnen diese ihren eigenen Interessen und Perspektiven entsprechend weiter. Hamnet lässt sich als Shakespeare-Fanfiction beschreiben, das Buch erzählt eine faktisch nicht belegte, frei erfundene Geschichte um Hamlets Uraufführung herum. Der Sinn einer Fanfiction ist in der Regel einen neuen Zugang zum bestehenden Material zu finden, Figuren zusammenzuführen, die im Original keine Verbindung hatten oder ein alternatives Ende auszuleben. Wenn Hamnet Fanfiction ist, dann verfehlen O’Farrell und Zhao das Ziel. Der Film beleuchtet keine neuen Aspekte von William Shakespeares Figur, die wir nicht kannten, noch wird dem Stück Hamlet eine bedeutende neue Ebene verliehen, im Gegenteil, der Film bietet eine völlig banale Lesart an. Hierin liegt das Problem mit Hamnet: Der Film vermarktet sich als die große unerzählte Geschichte hinter Shakespeares Meisterwerk, ist aber letzten Endes nichts als eine Aneinanderreihung von Plattitüden und biografischen Informationen aus dem Wikipedia-Artikel. Es wird keine tiefere Erkenntnis über Shakespeare, über Hamlet, über Agnes oder über das Verhandeln von Trauer vermittelt. Das Publikum soll während des Films weinen, aber nicht denken.
So bleibt am Ende ein Film, der kaum was zu bieten hat, was die durchaus sauber ausgearbeitete Oberfläche der Kamera und des Schauspiels vertieft und die Oscar-Bait-Vorwürfe nur schwer abstreiten kann. Als Alternative dann doch lieber Sentimental Value oder eine tatsächlich gute Fanfiction.

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