Als wir uns noch öfter im Kino gesehen haben – achtung berlin 2026

Es sind Festivalwochen in Berlin: Human Rights Film Festival, achtung berlin filmfestival, ALFILM Berlin oder das Jüdische Filmfestival Berlin. Seit Mitte April findet in jeder Woche ein anderes Festival in den Berliner Kinos statt. Wer will, kann sogar noch nach Potsdam fahren und sich auf dem Sehsüchte Festival studentisches Kino anschauen. Das Angebot ist aktuell also riesig und wenn man jedes Festival besucht, könnte man einen Monat lang jeden Abend im Kino verbringen. Damit ich am Ende keinen Burnout kriege, habe ich mich auf zwei Festivals beschränkt: das achtung berlin, welches in dieser Woche zu Ende ging und das ALFILM, was aktuell läuft. Heute soll es erstmal um das achtung berlin gehen, zum ALFILM gibt es dann nächste Woche im zweiten Teil meiner kleinen Festivalreportage mehr.

Wonach sucht man auf dem achtung berlin Festival? Nun, zum einen wird im Namen der Berlin-Fokus des Festivals schon deutlich und das ist es auch, was mich hieran reizt. Gleichzeitig legt die Programmauswahl auch einen großen Fokus auf das junge Kino. Es laufen viele Debütfilme, die ihre Premiere beispielsweise auf dem Max Ophüls in Saarbrücken hatten.

Solo Show von Julius Weigel | Bild: Swiss Films
Solo Show von Julius Weigel | Bild: Swiss Films

All diese Erwartungen brach dann aber der erste Film, den ich auf dem Festival gesehen habe. Das Glück der Tüchtigen von Franz Müller möchte irgendwas zwischen sozialkritischem Drama und lustiger multi-kulti Komödie sein und das ist genau so schlimm, wie es klingt. Es war einer dieser Momente, bei denen man im Kino sehr viel hinterfragt: Warum bin ich hier? Warum tue ich mir das an? Was soll das ganze? All das dachte ich mir während vor mir auf der Leinwand die schlimmsten Drehbuch Klischees der letzten 20 Jahre neu aufgekocht wurden. Da hätten wir beispielsweise den türkischstämmigen Mann, der früher natürlich Rapper war und jetzt vor allem nicht mit Geld umgehen kann, eine fanatische Christin aus Südamerika, die ihn dann fragt „wo er wirklich herkommt“ und wir das irgendwie als gewitzten Kommentar auf Alltagsrassismus oder so verstehen sollen. Im Mittelpunkt steht aber Mira, die eine Supermarktfiliale leitet und in finanzielle Probleme gerät, nachdem ihr Ehemann 80.000€ verwettet. Wir lernen dann, dass sich nur etwas unter die Arme greifen muss und mit genug Anstrengung kommt man da dann auch wieder raus. Neoliberales Mindset im Gewand von Sozialkritik, dieser Film könnte den Niedergang ganzer Parteien erklären. Da hilft dann auch nicht, dass man bei der Inszenierung jeglichen ästhetischen Anspruch vor der Tür abgestellt hat. Wie so ein Film es dann trotzdem ins Kino schafft, bleibt ein großes Rätsel. Vielleicht erhofft sich irgendein Verleiher damit wenigstens noch die letzten SPD-Wähler im Ruhrgebiet begeistern zu können.

Mein Glaube ans Kino wurde durch die nächsten Filme dann aber glücklicherweise direkt wieder bestärkt. Da wäre zum Beispiel Solo Show von Julius Weigel, den ich direkt im Anschluss an Das Glück der Tüchtigen im Kino Babylon gesehen hatte, nachdem ich schon überlegte, wieder nach Hause zu fahren. Zum Glück bin ich geblieben, denn hinter Solo Show steckt ein Film, der besonders durch seinen eigenwilligen Humor, seine lakonische Bildsprache und den entrückten Soundtrack auszeichnet. Der Film besteht aus drei Kapiteln, die sehr lose miteinander zusammenhängen, aber trotzdem recht flüssig ineinander übergehen. Sowas mag ich ja generell, auch wenn im Nachhinein wahrscheinlich eine etwas tiefergehende Erkenntnis gefehlt hat. Dafür durfte sich der Film dann über den Hauptpreis auf dem Festival freuen, in deren Jury unter anderem Christoph Hochhäusler saß.

Dadurch, dass das achtung berlin so viele Debütfilme zeigt, kann man sich auf dem Festival nebenbei auch einen guten Überblick über die Ausrichtung der verschiedenen Filmschulen im deutschsprachigen Raum verschaffen. Julius Weigel hat Solo Show an der Zürcher Hochschule der Künste gedreht und seine durchaus klare Bildsprache hat mich an einen Zürcher Kurzfilm erinnert, den ich vor einigen Jahren auf dem interfilm gesehen habe.

Ich habe außerdem zwei Werke von der Filmuniversität Babelsberg sehen können. Dieser Universität war ich in den letzten Jahren ziemlich kritisch gegenüber eingestellt, weil die Filme ehrlicherweise meistens Mist waren und irgendwie in Richtung eines Unterhaltungskinos strebten, dass sich auf solch studentischer Ebene aber gar nicht umsetzen lässt. Jetzt muss ich meinen Standpunkt wohl aber doch etwas revidieren, da die beiden Filmuni Filme Noah und Gropiusstadt Supernova eine neue Perspektive aufzeigen. Beide Filme hinterließen auf ihre Weise einen bleibenden Eindruck.

Noah von Ali Tamim erzählt auf drei Ebenen von einer Nacht. Wir sehen den Titelgebenden Noah nie, wissen nur, dass er scheinbar durch Polizeigewalt gestorben ist. Der Film erzählt uns nun aus drei Perspektiven, wie verschiedene Menschen damit umgehen. Da ist seine Mutter, die im Auto in Richtung Krankenhaus unterwegs ist und ihn nur noch einmal sehen möchte. Wir sehen außerdem woanders eine Auseinandersetzung mit der Polizei und folgen zwei anderen jungen Menschen etwas ziellos durch die Nacht. Was diesen Film auszeichnet ist, wie er Wut und Schmerz in filmischen Bildern zum Ausdruck bringt. Das ist vor allem in der Klarheit beeindruckend, wobei der Film jedoch nie in die Falle tappt, bloß aktivistisch zu werden. Es geht hier um mehr, um die Darstellung einer Lebenserfahrung. Auch filmisch ist das wirklich beeindruckend, besonders was Ton und Schnitt angeht.

Noah von Ali Tamim | Bild: Visionär Films
Noah von Ali Tamim | Bild: Visionär Films

Was an den beiden Filmuni Babelsberg Filmen auch so toll ist, ist, dass hier mal nicht irgendwelche privilegierten Regiestudenten eine misslungene Tarantino Imitation unternehmen, sondern dass diese Filme aus der Realität heraus erzählen, dabei aber nicht den Anspruch ablegen trotzdem filmisch zu erzählen. Das gilt für Noah, der letztendlich vom arabischen Leben in Deutschland erzählt und das gilt auch für Gropiusstadt Supernova von Ben Voit. Hier wird ebenfalls wieder die Geschichte einer Nacht erzählt. Es ist sogar eine ganz besondere: die Silvesternacht in Berlin Gropiusstadt. Im Mittelpunkt steht die Hauptfigur Luan, er erfährt, dass sein Bruder abgeschoben werden soll und gleichzeitig wird seine Freundin von einer Schauspielschule in New York akzeptiert. Kurz gesagt: er droht alles zu verlieren und scheint sich in dieser Nacht dann auch etwas selbst zu verlieren. Das zeigt uns der Film in seinen stärksten Sequenzen auf sehr verträumte Art. Es geht hier um eine Form des Erzählens, die kein Drehbuch dieser Welt leisten kann und von vornherein filmisch gedacht ist (der Regisseur erzählte, dass sein Drehbuch nur 19 Seiten umfasste, wie es für einen Bachelor Film auch vorgesehen sei). Man ärgert sich dann fast, wenn das Drehbuch in Form eines etwas unsinnigen Crime-Plots immer wieder Einzug in den Film erhält. Dennoch zeigt sich hier, was möglich ist, wenn man Künstlern Freiheiten lässt.

Weiter geht’s im Norden mit der Hochschule für bildende Künste. Hier bildet Angela Schanelec die nächste Generation von Filmemacher*innen aus, die wunderbare Filme drehen sollen, damit sie von einem Großteil der deutschen Filmkritik dann gehasst werden. Aber gerade im Falle von Schanelec ist die deutsche Filmkritik ja häufig auf Abwegen unterwegs. Auf dem achtung berlin lief jetzt Als wir uns noch öfter gesehen haben von William Wrubel. Ein wunderbarer Film. Man muss sich hier gar nicht die Mühe machen, irgendeine Handlung nachzuvollziehen. Es ist ein sehr loses Erzählen. Figuren kommen und gehen und über allem liegt viel mehr eine Stimmung. Es geht viel um Einsamkeit und über allem liegt auch so eine gewisse Melancholie. Die Figuren wollen irgendwo hin oder werden zurückgelassen. So richtig zufrieden scheint niemand mit seiner Situation. Das alles ist gefilmt in tollen analogen 16mm-Aufnahmen und sei allen ans Herz gelegt, die Angela Schanelec eh mögen. Nach Der Fleck im letzten Jahr ist das der nächste beeindruckende Film aus Hamburg und so langsam muss man wohl von einer Hamburger Schule sprechen.

Als wir uns noch öfter gesehen haben von William Wrubel | Bild: Geister Film
Als wir uns noch öfter gesehen haben von William Wrubel | Bild: Geister Film

Zum Abschluss noch ein Dokumentarfilm: In Nichts bleibt und nichts verschwindet portraitiert Paul Sonntag eine Häuserecke in Berlin-Moabit. Hier muss ein kleiner Edeka einem Neubauprojekt weichen. Der Film begleitet die letzten Tage dieses Ladens, den Abriss, den Neubau und auch die neuen Mieter an der gleichen Adresse. Die Kamera verlässt dabei nie das Grundstück. Was bleibt ist eine selten so deutlich gesehene Beobachtung von Gentrifizierung. Der Film springt zwischen den Zeiten, arbeitet viel mit Matchcuts und findet so zum einen Kontinuitäten, zum anderen werden so aber auch die Unterschiede in diesen Kontinuitäten sehr deutlich. Auf den Edeka folgt ein „Kiez Kaffee“ das aber überhaupt nichts mit dem Kiez zu tun hat und schlagartig ändert sich auch das Publikum. Am Ende pisst ein Hund gegen die Hauswand des Neubaus. Ein gelungenes Abschlussbild.  

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