Wie ich ja schon beim letzten Mal erwähnt habe, findet in Berlin gerade ein kleines Filmfestival nach dem anderen statt. Wer sich dabei in den jeweiligen Programmen umschaut, stößt auch schnell auf einige Überschneidungen. So habe ich als letzten Film auf dem Achtung Berlin Festival im April noch A Jewish Problem von Ron Rothschild gesehen. Ein essayistischer Dokumentarfilm, der sich zum einen mit der eigenen Rolle als Israeli in Deutschland auseinander setzt und gleichzeitig versucht, der Frage nachgeht, wie die Vertreibung der Palästinenser*innen von ihrem Land, gerade während der ersten Nakba, in Israel umgedeutet oder verherrlicht wird. Der Film wabert etwas zu viel hin und her und kommt nicht wirklich zu einem Punkt, aber viel interessanter ist eigentlich, welche Perspektive er liefert und auf welchen Festivals er läuft. Da es auch ein wenig um jüdisches Leben in Berlin geht, war er auf dem Achtung Berlin Festival schon gut aufgehoben, gleichzeitig läuft er aktuell nochmal auf dem Jüdischen Filmfestival Berlin und eigentlich berührt er thematisch auch noch ein anderes Festival: das ALFILM Berlin.

Das arabische Filmfestival ALFILM eröffnete mit dem Film Palestine 36 von Annemarie Jacir, der sich in gewisser Weise mit genau demselben Thema wie A Jewish Problem beschäftigt,nämlich der Vertreibung der Palästinenser*innen, lediglich ist die Perspektive und Herangehensweise eine andere. Es handelt sich bei Palestine 36 um einen relativ konventionell gefilmten Historienfilm, der einem ästhetisch wenig neues anbietet, lediglich die palästinensische Perspektive ist ein Novum. Deshalb tut es dem Film auch nicht, dass er sehr lose erzählt. Es gibt zu viele Figuren, zu viele Handlungsstränge, zwischen denen hin und her gesprungen wird, sodass sich dem Ganzen nur schwer folgen lässt.
Was sich an diesen beiden Filmen auch gut beobachten lässt, ist die Rolle, die solch thematisch spezifische Filmfestivals, wie das ALFILM oder das Jüdische Filmfestival spielen. Einerseits ist es natürlich super, dass sie verschiedene Perspektiven sichtbar machen, und andererseits kann man sich eventuell auch Fragen, warum A Jewish Problem nicht auf dem ALFILM läuft, oder umgekehrt Palestine 36 nicht auf dem Jüdischen Filmfestival. Und es hört bei diesen beiden Filmen ja nicht auf. Beispielsweise könnte ein Noah auch gut in das Programm vom ALFILM passen, weil es da ja um arabisches Leben in Berlin geht, lief aber am Ende nur auf dem Achtung Berlin.
Für Leute wie mich ist dieses Nebeneinander von Perspektiven sicherlich ein Segen, doch zur Wahrheit gehört auch, dass nicht jeder das Berliner Kino- und Festivalprogramm so aufmerksam verfolgt und die jeweiligen Festivals vor allem auch ihr spezifisches Milieu im Blick haben und dieses vorrangig ansprechen. So ist wahrscheinlich anzunehmen, dass es in den jeweiligen Publika nur wenige Überschneidungen geben dürfte. Da läuft man dann Gefahr, sich vor allem seiner selbst zu vergewissern und sich selbst schon bekanntes zu erzählen. Ich möchte nicht sagen, dass solche partikularen Festivals keinen Nutzen haben, das Gegenteil ist sicherlich der Fall, einfach weil sie dazu beitragen, das Weltkino in aller Vielfalt zu präsentieren. Es ist jedoch auffällig, dass die erwähnten Festivals zunächst einmal ihr Ding machen. Die Konvergenzen in den Programmen muss man sich selbst erarbeiten, insofern man überhaupt bereit ist, diesen Aufwand zu betreiben. Dabei müssten die Festivals selbst nichtmal groß programmatisch miteinander kooperieren, gegenseitige Anknüpfungspunkte und Überschneidungen wird es immer wie von selbst geben. Aber ich möchte in diesen Aspekten doch zu etwas weniger Lagerdenken animieren. Vielleicht reichen ja erstmal schon Hinweise auf die Programme der anderen Festivals, bevor man an andere Dinge, wie gemeinsame Veranstaltungen denkt. Dann könnte irgendwann aus diesem Monat voller partikularer Festivals einer werden, der die gesamte Vielfalt dieser Festivals feiert. Sozusagen ein großes Festival der kleinen Festivals.
Diesen Gedanken liegt natürlich auch die leidige Annahme zu Grunde, dass diese Filmfestivals vor allem Katalysatoren der jeweiligen regionalen politischen Situationen seien, wozu sie aber auch selbst beitragen. Die Eröffnungsreden auf dem ALFILM Festivals betonten beispielsweise den dezidiert politischen Charakter des Programms und bei anderen Festivals, wie beispielsweise dem Human Rights Filmfestival liest sich schon die Prämisse wie eine Rundreise durch die Krisen dieser Welt. Dabei sollte es ja eigentlich um die Filmkunst gehen.

Von der gab es auf dem ALFILM aber zum Glück auch etwas. Dazu gehörte unter anderem der Dokumentarfilm The Lions by the River Tigris von Zaradasht Ahmed. Der Film zeigt uns die zerbombte Altstadt von Mossul. Ein Mann möchte sein zerstörtes Haus wieder aufbauen, sucht in den Trümmern nach Überbleibseln seines alten Lebens und gleichzeitig ist ein Antiquitätenhändler ganz begeistert von dem Türrahmen des Hauses, der als einziges noch zu stehen scheint. Es ist ein Film, der durch seine teilweise sehr schrägen Protagonisten viel Humor findet in diesen eigentlich sehr tragischen Umständen. Und dann wäre da noch The President’s Cake von Hasan Hadi, der hierzulande sogar schon im Kino lief, aber weitestgehend unbeachtet blieb. Auch dieser Film spielt im Irak, aber in der 90er-Jahren zur Zeit von Saddam Hussein. Der feiert bald seinen Geburtstag, weshalb ein Mädchen in ihrer Schule beauftragt wird, ihm einen Kuchen zu backen. Ein fast unmögliches Unterfangen während einer Lebensmittelknappheit. Der Film war vor allem visuell der reifste, den ich auf dem Festival gesehen habe. Es sind eindrückliche Bilder und vor allem auch ein Sound-Design, was einem in Erinnerung bleibt, während man die Hauptfigur Lamia auf ihrer Odyssee durch die große Stadt begleitet. Der Film schafft es, die Absurdität und gleichzeitige Brutalität einer Diktatur zu vermitteln, wobei mich ab und zu geärgert hat, dass fast jede Figur, auf die Lamia trifft, im Grunde böse ist. Ein bisschen mehr Solidarität innerhalb der Bevölkerung hätte man schon zeigen können.

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