Was, wenn tatsächlich Außerirdische die Erde besucht hätten, und wir schon lange Aufzeichungen und Beweise davon hätten? Was, wenn diese unter Verschluss wären und nur ein kleiner Kreis an Menschen die Kontrolle über dieses Material hätte? Was, wenn dann aber eine handvoll Menschen diese Informationen an die Öffentlichkeit leaken würden? Wie würde die globale Gemeinschaft – die Menschheit allgemein – reagieren? Dieser Frage widmet sich Steven Spielbergs neuester Film Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit. Spielbergs zwei letzte Filme, The Fabelmans von 2022 und West Side Story von 2021 blickten kritisch auf die familiäre Einheit und die Arten und Weisen in denen sich Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern, Eheleuten oder Geschwistern verändern können, Disclosure Day setzt dahingegen ganzheitlicher an: Es geht wie so oft um das Schicksal der Welt, Leben und Tod, Gedeih und Verderb. Spielberg hat mal wieder einen Blockbuster gedreht.
So soll es zumindest scheinen. Die Trailer und Promomaterialien suggerieren einen Sci-Fi-Thriller voller Spannung und Action, und auch die Prämisse soll der Zuschauerschaft vermitteln, dass die Enthüllung von außerirdischem Leben epische, weitreichende Konsequenzen haben wird. Doch tatsächlich ist Spielbergs Film weniger an großen Setpieces oder weltverändernden Umschwüngen interessiert, sein Film ist viel mehr persönlich-philosophisch verankert. Josh O’Connor und Emily Blunt bilden die zwei zentralen Figuren ab, die in diese Verschwörung hineingezogen werden: Er ist Dissident einer Geheimorganisation und im Besitz des Beweismaterials, dass an die Öffentlichkeit soll, und sie eine aufstrebende Nachrichtensprecherin, der plötzlich mysteriöse Dinge geschehen, die ihr Leben auf den Kopf stellen. Flankiert werden sie von Colman Domingo als Anführer der Widerstandsgruppe, der O’Connors Figur zugehört und von Colin Firth als Chef der Organisation, die versucht das Beweismaterial zurückzuerlangen. Der Film entfaltet sich als endlose Verfolgungsjagd, in der die Helden vor den Bösen fliehen müssen und sich auch auf eine Reise in sich selbst begeben, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

Spielberg weiß dabei wie kein anderer diese Figuren in Szene zu setzen. Von den ersten Momenten an ist klar: Hier ist ein Meister am Werk. Seine Inszenierung und die Art wie er seine Einstellungen komponiert sind mitreißend wie kaum ein anderer Film bisher in diesem Jahr. Besonders die langen Plansequenzen, die er in Zusammenarbeit mit Kameramann Janusz Kamiński komponiert, sind enorm imposant. In einer Sequenz flieht Josh O’Connor von einem Farmhaus vor der bösen Organisation und seine gesamte Flucht wird in wenigen, kompliziert choreografierten Einstellungen abgebildet, die ihresgleichen suchen. Auch in Dialogszenen weiß Spielberg eine enorme Dynamik zun injizieren, die Kamera steht sehr selten überhaupt nur still und verleiht dem Film so einen soliden ästhetischen Antrieb. Auch die Darstellerinnen und Darsteller sind ihrer Aufgabe gewachsen. Emily Blunt beweist eine Bandbreite an Emotionen, die bisher in der Form von ihr eher vermisst wurde, ihre Performance ist verletzlich, selbstbewusst und trägt diesen Film sehr gut mit.
Diese inspirierte Inszenierung lässt dabei über so einige Schwächen des Films hinwegsehen. Die Geheimorganisation der Regierung, die Aliens unter Verschluss halten sollen, sind derart gesichtslos und austauschbar, dass nicht einmal Colin Firth als Oberbösewicht diese interessant machen kann. Er spielt dabei nicht schlecht per se, nur ohne seiner Figur großartig Charakter zu geben. Die Gruppe soll einen handelsüblichen Bösewicht darstellen, jedoch geht von ihnen nie tatsächlich eine Gefahr aus, es bleibt bei der Illusion von Gefahr. Auch verlässt sich das Drehbuch immer wieder auf sog. McGuffins, nebulöse Objekte die jede Figur in diesem Film haben will und die wie von Zauberhand immer die Handlung ausführen können, die der Plot gerade erfordert. Das Drehbuch, geschrieben von David Koepp, macht es sich an vielen Stellen sehr einfach und verliert dadurch auch die Erdung, die dem Film meist sehr gut tut. Auch merkt man, dass Spielberg und Koepp Ü60 sind, weil sie das Fernsehen für das richtige Medium halten, um die Aliens zu enthüllen. Immerhin ist es nicht das Radio oder ein Telegramm geworden.

Allgemein wirkt Disclosure Day doch sehr aus der Zeit gefallen. Diese Art, Filme zu drehen, könnte kann man liebevoll als old-school bezeichnen, oder eben als altbacken. Auch ist Spielbergs ultimatives Appell an die Menschen, sich in Empathie zu üben, zwar eine gut gemeinte humanistische Geste, ist aber in ihrer Inkonsequenz und Gutgläubigkeit absolut fad und naiv. Im Film werden globale Konflikte randständig angesprochen, der dritte Weltkrieg scheint schon vor der Tür zu stehen, und Steven sagt wir sollten einfach alle netter zueinander sein. Doch wir sind über derart blauäugige Blicke auf globale Konflikte und verdeckt handelnde Organisationen schon lange hinaus. Vielleicht ist Spielbergs unnachgiebiger Glaube an das Gute das sympathischste an diesem Film, wenn es auch wirkt wie der Opa, der im Ohrensessel vor sich hin redet. Disclosure Day erinnert einerseits an ein Artefakt, dass einige Jahrzehnte in der Schublade lag, aber ein Artefakt, dass sich dennoch handwerklich sehen lassen kann.

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