Ich war auf dem Mubi-Fest

Am letzten Wochenende war ich auf dem Mubi-Fest im Silent Green. Das hatte zwei Gründe: einerseits war das Programm tatsächlich viel interessanter, als ich es erwartet hätte, und andererseits wollte ich wissen, was das jetzt genau ist, was Mubi da veranstaltet und was für Leute da hin gehen. Denn es ist ja so: Mubi ist ja kein Festivalveranstalter wie jeder andere, sondern ein Streamingdienst, Filmverleiher und mittlerweile auch Produzent. Ich habe mich also ein wenig gefragt, ist das ein richtiges Filmfestival oder doch eher eine Werbeveranstaltung?

Unbequeme Stühle, aber gratis Taschen und alles ganz blau: Der provisorische Kinosaal im Silent Green

Nun muss man erst einmal festhalten, dass das Programm echt nicht schlecht war: am Eröffnungsabend lief The Mastermind in Anwesenheit der Regisseurin Kelly Reichardt, Samstagabend lief Die My Love von Lynne Ramsay und Sonntag unter anderem La Grazia von Paolo Sorrentino. Mit The Mastermind hat Kelly Reichardt einen ganz eigensinnigen Heist-Film gedreht, in dessen Zentrum im Gegensatz zum Titel eher ein Dilettant steht. Sie inszeniert es auf ihre gewohnt gelassene Art, was mir wirklich gut gefallen hat. Die My Love von Lynne Ramsay dagegen ist sehr miserabilistisch und erzählt so eine regretting motherhood Geschichte, von denen wir allein in diesem Jahr auf den Filmfestivals schon so einige gesehen haben. Ich denke da beispielsweise an If I Had Legs I’d Kick You, der dieses Jahr auf der Berlinale lief und eine ähnliche Abwärtsspirale einer Mutter hinab in den Wahnsinn zeigte. La Grazia dagegen ist ein spannender neuer Punkt in Sorrentinos Werk. Er geht hier den Weg weg von schönen knapp bekleideten Frauen, hin zu einem alten Mann, der seiner verstorbenen Ehefrau hinterhertrauert. Es ist ein sehr melancholischer Film, der sich um die Fragen von Liebe und Tod einerseits und Güte und Vergebung andererseits dreht.

Wim Wenders Talk in der Kuppelhalle

Neben den größeren Previews gab es im Programm auch noch Talks, beispielsweise mit Kelly Reichardt oder Wim Wenders, andere Filmvorführungen und Kurzfilmscreenings. Vieles davon war sogar kostenlos, was wirklich toll ist. Auch die anderen Ticketpreise bewegten sich mit 12 bis 15€ in einem angemessenen Rahmen. Das muss man Mubi wirklich zugutehalten. Auf dem Mubi-Fest gab es ein breites und für alle gut zugängliches Angebot an Filmkultur. Was man beim Besuch des Mubi-Fests auch gemerkt hat: es gibt sie noch, die Unternehmen mit der dicken Kohle in der Filmbranche. Was Mubi da aufgefahren hat, wird wahrscheinlich jeden herkömmlichen Festivalmacher sehr neidisch machen. Live-Musik, gratis Cocktails und eine Tonne an Werbematerial (ich besitze jetzt unter anderem einen The Mastermind Regenschirm) lassen gaben der ganzen Veranstaltung teilweise eher die Atmosphäre einer Vernissage an einem Messestand. Damit wären wir dann auch an dem Punkt angelangt, der mir das ganze Wochenende so ein wenig quer lag.

Warum nicht? The Mastermind Regenschirm

Denn auch, wenn Mubi hier wirklich viel kostenloses Programm angeboten hatte, war das insgesamt doch eine eher elitistische Veranstaltung. Dazu mal eine kleine Anekdote aus einer Vorstellung: Am Samstagabend lief wie gesagt Die My Love, doch der Film wurde zunächst geheim gehalten und als eine für Mubi-Abonnenten exklusive Preview beworben. Vorher war also nicht klar was lief (wer aber nicht ganz blöd war, konnte vorher herausfinden, dass es ganz bestimmt Die My Love wird) und so setzte sich dann jemand in meine Nähe und fragte laut in dem Raum herein: „Und hier läuft jetzt der neue Marvel-Film, oder?“ Daraufhin folgte natürlich erhabenes Gelächter. Es ist eben auch ein Distinktionsmerkmal, dass man Mubi-Abonnent ist. Wer zeigen will, dass er kluge Filme mit Substanz schaut und nicht irgendeinen Quatsch auf Netflix, der läuft heutzutage mit einem Mubi Beutel herum. In einem Jahr, in dem die TikTok-Öffentlichkeit den „Performative Male“ groß gemacht hat, ist das Mubi-Abonnement vielleicht Teil eines „Perfomative Cinephiles“. Und Mubi geht es sicherlich auch darum, dieses Image einer zur Schau gestellten Cinephilie zu kultivieren. Auch ich bin da sicherlich nicht ganz unschuldig, da auch ich ein Abo und auch so eine Mubi Tasche habe. Dennoch werde ich bei manchen Leuten das Gefühl nicht los, dass das Mubi Abo einfach nur zu einem weiteren Teil der eigenen Selbstinszenierung wird, aber das Kino an sich einem eigentlich ein bisschen egal ist. Passend dazu waren bei den erwähnten Screenings auch immer zwei ganze Reihen für Influencer reserviert. Auch etwas, was ich bei einem Filmfestival noch nie erlebt habe. Einmal saß ich direkt hinter ihnen. Da wurde dann teilweise ein bisschen der Film auf dem Handy mitgefilmt und nach der Hälfte ist man dann gegangen. Da fragt man sich dann schon, um was es hier eigentlich geht?

Während nach den Filmen also im Hintergrund die Liveband spielt, man seinen geschenkten Cocktail in der Hand hält und der neue Mubi-Beutel um die Schulter baumelt, merkt man schon, dass hier eine andere Atmosphäre herrscht als auf anderen Filmfestivals. Das ist hier durchgestyled bis ins letzte Detail. Sicherlich ist das auch cool und man fühlt sich ein wenig besonders, aber es ist im Endeffekt doch eher Werbeveranstaltung als kritisches Filmforum.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Achssprünge

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen