Eine kleine Kinoreise

Der Sommer ist ja etwas ganz besonderes, vor allem im Kino ist er Schauplatz vielfältiger Sehnsüchte. Im Kino macht sich der Sommer, zumindest hier in Deutschland, aber häufig durch das Sommerloch bemerkbar. Die Kinoprogramme sind dieser Tage wirklich leergefegt. Was macht man also, wenn im Kino das Sommerloch herrscht? Genau, man fährt in den Urlaub. Das habe ich im Juni bereits gemacht: Mit dem Zug ging es einmal durch Südeuropa. Und wie es so ist, wenn man sich als filminteressierter Mensch durch die Welt bewegt, werden so einige Ziele, mal bewusst, mal unbewusst, auch aufgrund ihres Bezugs zum Kino angesteuert. Zeit also für einen kleinen Reisebericht aus filmischer Sicht, denn nur wenn das Kinoprogramm einen hierzulande nicht dazu einlädt, kann man seinen Sommer hervorragend mit Film verbringen!

Stopp 1: Paris

Los ging die Reise in Paris. Anlass dafür war zunächst einmal die tolle neue Direktverbindung mit dem Zug von Berlin aus. So muss man nicht mehr in Frankfurt umsteigen, was bei der Deutschen Bahn immer ein riskanter Faktor ist, da man dort dann gerne seinen fest reservierten TGV verpasst hat. Davon mal abgesehen ist Paris natürlich die Kino-Traumstadt. Ich glaube es gibt keinen Ort, an dem man als „Cineast“ – um mal dieses schreckliche Wort zu gebrauchen – sein Leben besser verbringen könnte. Zugegebenermaßen kann man sich auch hier in Berlin über die Kinodichte wirklich nicht beschweren, aber Paris spielt nochmal in einer anderen Liga. Das liegt gar nicht mal so sehr an der Anzahl der Kinos, sondern dem Programm. Es gibt wirklich unzählige Kinos, die unabhängig von aktuellen Kinostarts ein buntes Programm der Filmgeschichte zeigen. Da wären zum Beispiel die Filmotheque im Quartier Latin, oder auch das Le Champo direkt nebenan zu nennen. Beide Kinos zeigen den ganzen Tag und nicht nur abends (hingehört liebes Arsenal!) Programm. Im Le Champo lief, während wir in Paris waren, sogar eine Éric Rohmer Retrospektive, mein großer Traum, das mal in Berlin zu sehen. Auch etwas weiter außerhalb gibt es in Paris tolle Kinos. Direkt um die Ecke von unserer Unterkunft lief am Tag unserer Ankunft leider etwas zu früh für uns eine Vorstellung von Le rendez-vous de l’été, meinem Lieblingsfilm der letzten Berlinale, in Anwesenheit der Regisseurin. Das große Problem mit dem Kino in Frankreich ist nur, dass diese Nation ihre Landessprache für die große Weltsprache hält und es deshalb wirklich nirgendwo einen Film mit englischen Untertiteln zu sehen gibt. Das muss man sich einmal vorstellen in einer Weltstadt wie Paris! Hier in Berlin läuft nicht grundlos jeder zweite Film mit englischen Untertiteln, sogar deutsche Filme findet man ja sehr oft in englischer Untertitelung, daran würden die Franzosen nie denken.

Uns trieb es daher in die Cinématheque Francaise. Eigentlich wollten wir uns dort die ständige Ausstellung und die Wes Anderson Sonderausstellung anschauen, doch wenn man sich ein Ticket für die Sonderausstellung kauft, kommt man damit nicht in die ständige Ausstellung. Es kostet trotzdem 15€. Das war schon ein wenig zu viel für die ziemlich kleine Wes Anderson Ausstellung. Viel mehr als ein paar nette Props aus seinen gab es da nämlich nicht zu sehen. Doch eigentlich waren wir vor allem da, um abends Magnificent Obsession von Douglas Sirk zu schauen. Warum dieser Film? Der einfache Grund: er läuft auf Englisch, da braucht man keine Untertitel. Zum ersten Mal war ich dann auch im großen Saal der Cinématheque, der mir wirklich sehr gefallen hat mit seinen echt bequemen Sitzen und der großen Leinwand. Der Film war auch sehr schön. Die Cinématheque hat übrigens auch einen schönen Museumsshop, der eine sehr breite BluRay-Auswahl hat. Hier lässt es sich schön stöbern, aber auch dort trifft man häufig auf das französische Untertitel-Problem.

Und so verlässt man Paris immer etwas wehmütig, weil man dort einmal sieht, was alles möglich ist, wenn der Film wirklich wertgeschätzt wird. Vielleicht sollte ich es doch nochmal probieren mit dem französisch lernen?

Stopp 2: Barcelona

Erstaunlich gut kommt man mit dem Zug von Paris nach Barcelona, denn auch hier gibt es eine Direktverbindung. Barcelona war eigentlich nicht aufgrund der Filmaffinität der Stadt eingeplant. Doch als wir ankamen, erblickte ich ein Plakat für eine Maya Deren Ausstellung und so wurden die Museumspläne etwas umgestellt und es ging ab ins Museu etnològic i de cultures del món mitten in der Altstadt von Barcelona, die man sich sonst aber getrost sparen kann. Die Ausstellung an sich war ganz nett. Wenn man allerdings schon ein wenig über Maya Deren wusste, gab es da nicht so viel neues zu entdecken. Der Fokus lag auf ihren Filmen, die entweder direkt projiziert wurden, oder über Fotos gezeigt wurden. Ein neuer Aspekt für mich war ihre Tahiti Connection, aber da hätte die Ausstellung noch mehr herausholen können. Für 5€ Eintritt, worin auch noch der Rest des Museums eingeschlossen war, konnte man sich da aber eher weniger beschweren und am Ende habe ich mir noch einen Essayband zu Maya Deren im Shop mitgenommen, die Spanier übersetzen das nämlich auch auf Englisch! Im Rest des Museums gibt es übrigens vor allem Skulpturen aus der ganzen Welt zu betrachten. Wie viel davon aus Spaniens Kolonialtätigkeiten stammt, darf gerne spekuliert werden. Auch eine Kinemathek hat Barcelona – Filmoteca de Catalunya, dort lief während wir da waren, unter anderem eine Tsai Ming-liang Reihe, aber ausschließ mit katalanischen Untertiteln, deshalb waren wir nicht da.

Stopp 3: Über Genua nach Turin

Auf den nächsten Halten gab es etwas weniger direkten Kinobezug. Doch das Kino lauert hinter jeder Ecke und wer genau hinschaut, findet überall seine Spuren. Im Treppenhaus unserer Unterkunft in Genua hing beispielsweise ein La Dolce Vita Poster. Warum? Keine Ahnung, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Italiener sich sowas einfach für den Vibe hinhängen, immerhin ist es ja auch mehr als ein Film, La Dolce Vita ist ein Lebensgefühl. Auch toll war ein Plakat für eine Sergej Eisenstein Retrospektive aus dem Jahre 1988, das unser AirBnb Host auf dem Klo hängen hatte. Ich habe nachgeschaut, das Kino – der Cineclub – gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Auch wenn Genua sonst keinen großen Filmbezug hat, kann ich einen Besuch dort nur empfehlen, und sei es nur für das Pesto Genovese.

Stop 4: Turin

Dass man sich in das Wahrzeichen seiner Stadt ein Filmmuseum setzt, erscheint nicht nur aus deutscher Sicht etwas ungewöhnlich, aber die Turiner haben genau das gemacht. Im Mole Antonelliana der mit seinen 167 Metern die Stadt überragt, befindet sich das Museu Nazionale del Cinema. Ein Pflichtbesuch, wenn man schonmal in der Stadt ist. Auch deshalb, weil hier vor kurzem der ehemalige Berlinale Chef Carlo Chatrian die Leitung übernommen hat. Das Museum zieht die Leute an. Tatsächlich mussten wir sogar etwas anstehen, bevor wir reinkamen. Sie ließen die Leute nur grüppchenweise, was Sinn ergab, sobald man drin war. Denn zunächst wird man durch einen Rundgang geführt, welcher einen durch die wirklich frühen Stunden des Films führt. Eigentlich geht es um die Stunden des Films vor seiner Geburt. Laterna Magica, Camera Obscura, Daumenkinos – alle möglichen Formen von vorfilmischen Attraktionen, bei denen es um das Spiel von Licht und Schatten oder Bewegungsillusionen ging, sind hier Thema. Das Museum hat auch eine wirklich große Auswahl an Ausstellungsstücken, die man bestaunen kann. Wer sich wirklich informieren will kann allein in diesen Räumen schon viel Zeit verbringen. Am Ende dieses Rundgangs wartet dann ein Raum, in dem man dann auf einer Leinwand die ersten Filme der Lumiere Brüder sieht. Und jetzt geschieht das undenkbare: ein Zug fährt an einem Bahnhof ein und ehe man sich versieht, flieht man verängstigt aus dem Kinosaal.

Über eine Treppe geht es dann in den nächsten Bereich des Museums. Und es ist schon eine gute Dramaturgie: eben war man in relativ kleinen und dunklen Räumen und jetzt, nachdem man die Geburt des Kinos erlebt hat, öffnet sich auf einmal der Raum. Man steht in der großen Kuppelhalle des Turms. Es gibt eine große Lichtshow und zu allen Seiten eröffnen sich Räume, welchen den Blick auf die verschiedensten Filmgenres verheißen. Es ist im ersten Moment schon ein toller Anblick und man glaubt hier wirklich auch die Magie des Kinos zu spüren. Doch leider muss ich sagen, dass ich dann auf den zweiten Blick etwas enttäuscht war. Während sich das Museum im ersten Teil durch wirklich viel Anschauungsmaterial und eine tolle Detailtiefe auszeichnete, scheint hier jetzt eher das Gimmick im Vordergrund zu stehen. Viel filmgeschichtliches gibt es leider nicht zu erzählen. Man kann sich dann einzelne Dioramas anschauen, es gibt eine Etage mit vielen Filmpostern, aber man lernt nicht wirklich etwas. Besonders das italienische Kino wirkt sehr abwesend. Irgendwo in der großen Halle steht einmal Neorealismus und woanders steht der Roller von Nanni Moretti aus Caro Diario, aber das war’s dann irgendwie auch schon. Ein bisschen Schade irgendwie, aber etwas, das Carlo Chatrian dann in Zukunft mal verändern könnte.

Stopp 5: Bologna

Der letzte Stopp unserer Reise führte uns dann nach Bologna. Nicht ohne Grund sind wir im Juni nach Italien gefahren, um in Bologna Halt machen zu können, während das Cinema Ritrovato stattfindet. Das Paradies für alle Menschen, die das sind, was man furchtbar hasst, nämlich Cineast. Leider hatten wir nicht die Zeit, um das Festival in seiner Gänze genießen zu können, aber immerhin reichte es für einen Abend am Piazza Maggiore, auf dem zum Festival immer ein großes Freiluftkino aufgebaut wird. Es gibt kaum ein schöneres Ambiente für ein Freiluftkino als mitten in einer italienischen Stadt, umgeben von hunderte Jahre alten Palästen und Kathedralen. Der Film sollte um circa 21:30 Uhr starten und so fanden wir uns schon eine Stunde vorher auf dem Platz ein. Doch das reichte nicht aus, um noch einen Sitzplatz auf einem der Stühle zu ergattern. Es war richtig voll und sollte nur noch voller werden. Deshalb haben wir uns dann einfach daneben auf den Boden gesetzt, der geglüht hat, weil er den ganz Tag über bei knapp 36 Grad gegrillt wurde. Aber das war dann egal. Es lief Gold Rush von Charlie Chaplin in Begleitung eines Live-Orchesters. Als der Film losging, war der Platz komplett voll. Das dürften bestimmt 2.000-3.000 Leute gewesen sein, die sich alle für einen 100 Jahre alten Film zusammenfanden. Die Stimmung war herausragend, oft gab es Szenenapplaus und am Ende natürlich Standing Ovations. Alle erfreuten sich einfach nur am Kino. Dieser Abend wird mir immer als eines der schönsten Kinoerlebnisse in Erinnerung bleiben. Und einen besseren Abschluss hätte diese Reise auch nicht haben können. Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch die Gelegenheit bekomme, das Festival in Bologna einmal in seiner Gänze besuchen zu können, um dann an genau dieser Stelle hier wieder darüber berichten zu können. Es gibt noch so viel zu entdecken!

Der Piazza Maggiore in Bologna

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