So war der Berlinale Wettbewerb

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Das war’s! Der Wettbewerb der Berlinale ist schon wieder zuende. Erstaunlich viele gute Filme liefen da dieses Jahr. Ein kleiner Abschlussbericht.

Auf einmal Winter am Potsdamer Platz

Richtig schön winterlich ging die Berlinale vor einer Woche los, pünktlich zur Eröffnung fing es an zu schneien und der Schnee und die eisige Kälte begleitete uns den ganzen Wettbewerb über. Machte es fast noch gemütlicher in den Kinos.

Doch auf der Leinwand ging es erstmal sommerlich los mit “Hot Milk” von Rebecca Lenkiewicz. Es ist der Debütfilm, der bisher sonst als Drehbuchautorin bekannten Regisseurin (u.a. “She Said” und “Ida”) und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Deborah Levy. Das Potenzial für einen wirklich guten Film wäre hier eigentlich da gewesen, aber er versteift sich zu sehr auf die Mutter-Tochter Geschichte, die mit ganz viel Trauma aufgeladen ist und vergisst, dass er eigentlich auch noch eine Liebesgeschichte erzählen wollte. Da helfen auch das Setting an der spanischen Küste und Vicky Krieps, deren Figur auf Dauer leider auch ziemlich nervt, nicht. Und die Zeit ist dem Film keine Hilfe: bereits eine Woche nach der Premiere scheint der er so gut wie vergessen, aber ja auch der lief im Wettbewerb.

Nicht so schnell vergessen wird man dagegen den neuen Film von Michel Franco: “Dreams”. Franco erzählt hier die Geschichte einer zunächst unbändigen Liebe zwischen einem mexikanischen Balletttänzer (Isaac Hernández) und einer amerikanischen Millionenerbin (Jessica Chastain). Die Liebe zwischen den beiden scheint so groß zu sein, dass er für sie extra den gefährlichen Weg über die mexikanisch-amerikanische Grenze auf sich nimmt. Doch vor Ort interveniert dann irgendwann die harte Realität. Die Liebesgeschichte wird irgendwann zu einem Ausspielen von Herkunft, Klasse und Geschlecht. Sie will ihn einhegen und veranlasst seine Abschiebung, sperrt ihn damit praktisch ein, um ihn nach Belieben zur Verfügung zu haben. Zurückgeworfen in diese Machtlosigkeit bleiben ihm selbst dann auch nur noch die Ur-Instinkte und das Prinzip der Unterwerfung als Antwort. “Dreams” ist ein wirklich zorniger Film über unsere Gegenwart, der sich selbst und die Zuschauer vor Ambivalenzen stellt, die zu unangenehmen Fragen führen. Es ist vielleicht der Film im Wettbewerb, der sich am meisten traut.

Isaac Hernández, Rupert Friend und Jessica Chastain in Dreams | © Teorema

Etwas fürs Herz ist dagegen eher der französische Wettbewerbsbeitrag “Ari” von Léonor Seraille, der vor allem durch das körperliche Schauspiel von Andranic Manet besticht. Er spielt einen angehenden Lehrer, der mit seiner Situation aber sichtlich überfordert scheint und in der ersten Szene direkt zusammenbricht. Der Film zeigt dann in gewisser Weise seinen Heilungsprozess, der daraus besteht, mit sich selbst und seinem Umfeld ins reine zu kommen. Es ist ein Schauspielerfilm, die Kamera oft in Form von Close-Ups ganz nah dran. Irgendwann wird natürlich auch einmal krass gestritten, aber es geht auch ans Herz und macht Spaß beim Schauen. Am Ende wäre ein Silberner Bär für Manet sicherlich nicht unangebracht.

Die größte Überraschung und auch ein Kandidat für den Schauspielbären und vielleicht sogar mehr kommt dagegen aus Brasilien: “The Blue Trail” von Gabriel Mascaro. Der Film ist aktuell auch der Liebling der Kritiker und eine Art Road Movie, aber auf dem Wasser durch ein dystopisches Brasilien, in dem Rentner in Lager gesteckt werden, damit sie den jungen Leuten nicht zur Last fallen. Doch die Hauptfigur Tereza, wunderbar sympathisch gespielt von Denise Weinberg, lässt sich das nicht gefallen und begibt sich praktisch auf die Flucht. Dabei trifft sie dann eine Reihe von schrägen Figuren. Der Film spielt mit magisch realistischen Elementen und Bausteinen aus dem Science-Fiction Kino und verliert nie seine Leichtigkeit, was ihn zu einer wirklich unterhaltsamen und herzlichen Reise macht. Und dann noch mit schönen Bildern aus dem Amazonas, da macht man nicht viel falsch.

Omi muss in den Käfig bei The Blue Trail| © Guillermo Garza / Desvia

Allgemein zeigt sich der Berlinale Wettbewerb in diesem Jahr etwas abwechslungsreicher kuratiert, als noch in den letzten Jahren. Das zeigt sich auch darin, dass das Genre Kino einen Platz im Programm findet. Das bestechenste Beispiel dafür ist der Film “Reflet dans un diamant mort” vom Regieduo Bruno Forzani und Hélène Cattet. Der Film ist wirklich eine visuell-kreative Meisterleistung, eine nie enden wollende Bilderflut und große Hommage an das europäische Genrekino der 60er und 70er Jahre. Man fühlt sich ein wenig, als ob man in ein 90-minütiges James Bond Intro hineingefallen wäre, aus dem es kein entkommen gibt. Wild gehen die Bilder ineinander über, es ist ein Meisterwerk der Montage, der Film lässt einem keine Zeit zu atmen. So ein visuelles Bombardment hat man im Berlinale Wettbewerb lange nicht gesehen. Doch diese Flut an Bildern wirkt mit der Zeit auch unweigerlich betäubend und überfordernd, weil keine Einstellung mal etwas länger stehen gelassen werden kann und kein Moment nur für sich steht. Man ist am Ende regelrecht außer Atem. Mehr zu diesem Film wird euch Marc hier in den kommenden Tagen noch erzählen.

Fast gegenteilig aber doch ähnlich zum Film von Cattet und Forzani reiht sich “La tour de glace” von Lucille Hadzihalovic ein. Auch hier haben wir es mit einem Genre Film zu tun, aber eben ganz anders, viel langsamer und voll auf Atmosphäre bedacht. Und die Atmosphäre ist wirklich dicht. Die ganze Zeit liegt so eine Spannung zwischen der von Marion Cottilard gespielten Eiskönigin und Bianca (Clara Pacini) in der Luft. Diese Spannung löst sich jedoch nie so richtig ein. Der Film fährt zwei Stunden lang auf derselben Geschwindigkeit und ganz am Ende scheint er endlich auszubrechen, aber traut sich dann doch nicht wirklich was. Da wünscht man sich fast, das Gaspar Noé (Ehemann der Regisseurin und auch im Cast vertreten) zum Schluss einmal ins Steuer greift.

Marion Cotillard als Eiskönigin in La Tour de Glace| © 3B-Davis-Sutor Kolonko-Arte-BR

Im voraus auffällig war, wie gering der deutsche Film im Wettbewerb dieses Jahr vertreten ist. Die großen Namen wie Tykwer oder Qurbani zeigten ihre neuen Filme außerhalb des Wettbewerbs und so blieb dann nur “Was Marielle weiß” vom bis dato ziemlich unbekannten Regisseur Frédéric Hambalek. Man kann ihn aber ganz klar als eine der großen Entdeckungen der diesjährigen Berlinale bezeichnen. Die Wahl, ihn in den Wettbewerb zu holen, muss nicht nur als eine Entscheidung für Qualität und gegen große Namen verstanden werden, sondern auch als ein Zeichen für ein anderes deutsches Kino und neue Formen des Erzählens. Es mag zwar ein kleiner Film sein, aber die Versuchsanordnung ist sehr wirkungsvoll. Die Tochter Marielle weiß auf einmal alles, was ihre Eltern sagen und tun. Das führt einerseits zu erstaunlich witzigen und komischen Situationen und stellt andererseits auch Fragen danach, wie sich der Mensch unter totaler Überwachung verhält. Die Eltern werden zum gläsernen Menschen. Man kann nur hoffen, dass die Jury diesen Film für seinen neue Form im deutschen Kino auch auszeichnet, damit wir in Zukunft hoffentlich mehr von dieser Art von Film in Deutschland sehen können. Ein gutes Zeichen ist auch, dass sich der Film gerade international sehr gut verkauft. Das Ausland interessiert sich für anderes deutsches Kino.

Laeni Geiseler in Was Marielle weiß| © Alexander Griesser

Auch große Regienamen waren im Wettbewerb vertreten. So zeigte Richard Linklater seinen neuen Film “Blue Moon”. Das Kammerspiel mit Ethan Hawke in der Hauptrolle, der den amerikanischen Liederschreiber Lorenz Hart spielt, ist ein Dialogfilm über einen Mann, dessen Zeit so langsam abläuft. Der merkt, dass sich die Welt weiter dreht, aber ohne ihn. Erzählt ist der Film fast in Echtzeit und erstreckt sich über einen Abend in einer New Yorker Bar. Besonders wenn man sich die aktuell sonst dominierenden Künstler-Biopics anschaut, ist das doch ein wirklich erfrischender kleiner Abgesang, auf die Figur Hart und gleichzeitig doch irgendwie auch ein Plädoyer für die Liebe zur Kunst und zum Schönen. Thematisch natürlich komplett anders gelagert, aber in der Methode der Reduzierung durchaus vergleichbar ist Radu Judes neuer Film “Kontinental ’25”, den er nur auf einem iPhone gedreht hat. Er spart sich diesmal etwas seine stilistische Überdrehtheit, aber behält sich seinen bissigen satirischen Humor bei. Das ist kein so großer Wurf wie zuletzt “Do Not Expect to Much From the End of the World”, aber immernoch ein ziemlich guter Film.

Zum Abschluss lieferte der Wettbewerb dann auch nochmal zwei Highlights: einmal „Drømmer“ von Dag Johan Haugerud. Das ist der dritte Teil seiner Sex, Love and Dreams Trilogie und in gewisser Weise wirklich europäisches Erzählkino in Hochform. Die siebenjährige Johanne erlebt ihre sexuelle Erweckung und verliebt sich in ihre Lehrerin. Ihre Gefühle und Erlebnisse hält sie in einem Tagebuch fest, dass sie eigentlich nur für dich schreiben wollte, aber irgendwann dann doch ihrer Oma und Mutter zum lesen gibt. Das ist ein unglaublich sanfter und warmer Film über die erste Liebe, die gleichzeitig eine unmögliche zu sein scheint und gar nicht erwidert werden kann. Natürlich böte es sich dem Film auch an, diese ganzen Machtverhältnisse, die in seiner Age Gap Konstellation liegen, zu problematisieren, er spricht sie auch an, aber lässt sie dann meist direkt wieder links liegen. Das war irgendwie sympathisch, weil es so wirklich um die Ernsthaftigkeit der Gefühle ging.

Ella Øverbye und Selome Emnetu in Drømmer| © Motlys

Das letzte große Highlight lieferte dann Wettbewerbs-Dauergast Hong Sang-soo mit “What Does That Nature Say to You” ab. Es ist eigentlich ein typischer Hong Film. Leute unterhalten sich, essen und trinken zusammen und gestritten wird irgendwann sogar auch. Das ist stellenweise wie immer sehr witzig, aber auch wieder von einer Traurigkeit unterlegt. Im Mittelpunkt steht ein junger Dichter, der das erste Mal die Eltern seiner Freundin kennenlernt, die auf einem malerischen Hügel wohnen. Zunächst scheint es gut zu laufen, er freundet sich mit dem Vater an, doch beim Abendessen gerät die Lage dann aus dem Ruder. Betrunken werden Dinge gesagt, die man besser für sich behalten hätte. Das Kennenlernen misslingt nicht nur, wir sehen auch, dass die Beziehung wohl keine Zukunft hat und auch der Dichter kein Talent. Stilistisch bleibt sich Hong mit seinen Minimalismus natürlich treu und dreht das auch wieder nur auf irgendeiner Digicam. Es wirkt aber wie der rundeste und vollständigste Hong seit langem. Es geht hier diesmal wirklich alles zusammen. Außerdem nimmt er die Landschaft und Natur wirklich interessant mit ins Bild und wie er seine Figuren in die Umgebung einbettet, gibt seinen Bildern nochmal mehr Tiefe. Ein Goldener Bär ist für Hong eigentlich schon längst überfällig und man muss sich fragen, mit welchem Film er ihn sonst gewinnen soll, wenn nicht mit diesem.

Ha Seongguk in What Does That Nature Say to You |  © Jeonwonsa Film Co.

So neigt sich die Berlinale auch schon wieder ihrem Ende zu und mit dem Ende des Wettbewerbs fängt der Schnee auch wieder an zu schmelzen. Unter der Eisdecke konnte man in diesem Jahr wirklich viel entdecken. Es war ein vielfältigerer Wettbewerb als in den letzten Jahren. Dahinter stehen einige kluge Entscheidungen indem man unter anderem den Genre-Kino mehr Raum gab und sich bewusst dafür entschied, einem anderen deutschen Kino die große Bühne zu bieten, statt den immer gleichen und bekannten Namen. Das zahlt sich aus in einem belebten Programm. Auch die Qualität der Filme war erstaunlich gut. Natürlich gab es auch ein paar Enttäuschungen wie etwa “La Cache” von Lionel Baier, der dann doch etwas zu sehr Kino für das Ü60 Publikum ist. Aber in den meisten Fällen verließ man das Kino durchaus bereichert, auch weil man in diesem Jahr mal wieder Spaß haben durfte im Wettbewerb. Kein schlechtes Resümee für Tricia Tuttles erste Berlinale.

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