Eigentlich war die große Frage des letzten Festivaljahres, wer sich Mickey 17 sichert. Den neuen Film vom mehrfach Oscar-Gewinner Bong Jon-Ho hätten sicherlich alle mit Handkuss genommen. Doch WarnerBros. hatte andere Pläne. Dutzende Male wurde der Film verschoben, es gab Gerüchte darüber, wer den Final Cut hat und irgendwann wurde der Film dann in den Januar geschoben. Aber auch dabei sollte es nicht bleiben. Jetzt läuft er also auf der Berlinale. Warum wurde der Film so oft verschoben? Ist er wirklich so schlimm, dass man ihn niemandem zeigen will?

Die erstaunliche Antwort lautet: überhaupt nicht! Bong Joon-ho hat einen unglaublich unterhaltsamen Sci-Fi Blockbuster gedreht. Er beginnt als Art Verwechslungskomödie: Robert Pattinson spielt Mickey, einen „Expendable“ auf einem Raumschiff, das auf dem Weg zu einem fremden Planeten ist, wo eine neue Menschenkolonie gegründet werden soll. Mickey ist für die ganze Drecksarbeit zuständig, weil er beliebig oft geklont werden kann und einfach wieder neu gedruckt wird, wenn er stirbt. Nur stirbt er das eine mal eben doch nicht und dann gibt es auf einmal zwei von ihnen. Doch bei dieser Verwechslungsgeschichte bleibt es nicht. Auf dem fremden Planeten gibt es nämlich Ureinwohner. Komische Wesen die vom Aussehen her ein bisschen an das Vieh aus Okja, Bong Joon-hos Netflix Film, erinnern. Schnell fühlt sich die Menschenkolonie von ihnen bedroht. Doch wollen sie ihnen wirklich böses?
Handwerklich ist das wirklich ein ausgezeichneter Blockbuster, auf einer Qualität wie man sie eigentlich schon lange nicht mehr gesehen hat. Der Film ist unglaublich lustig und am Ende auch ziemlich spannend. Robert Pattinson spielt seine zwei Rollen auch toll, genauso wie der restliche Cast auch. Warum hat man also das Gefühl, dass die Amis ihn trotzdem nicht so wirklich zeigen wollen? Es liegt sehr wahrscheinlich daran, dass Bong hier auch einen Film gedreht hat, der den Amis ihren eigenen Wahnsinn vor Augen hält. Denn unter der Blockbuster Fassade versteckt sich bei Bong schon immer mehr.

Angeführt wird das Raumschiff, das eine neue Kolonisation gründen will, nämlich von einem exzentrischen Anführer, der wie eine Kombination aus Elon Musk und Donald Trump wirkt. Fanatisch rennen ihm seine Fans hinterher, auf das sie doch bitte auch mit an Bord des Raumschiffs können. Eigentlich soll der wunderbar von Marc Ruffalo gespielte Anführer ein Politiker sein, doch in Wahrheit ist er der Anführer eines Kults. Im Endeffekt macht sich Bong Joon-ho über die Amis lustig, die Anspielungen sind alle wirklich sehr deutlich, vielleicht auch etwas zu on the nose. Der Film ist durch seine Verschiebungen nur noch relevanter geworden. Und manchmal wird es fast unheimlich in den Analogien zur echten Welt, wüsste man nicht, dass der Film schon seit über einem Jahr fertig ist. Und auch die amerikanische Geschichte nimmt sich Bong Joon-ho vor, denn auch das Thema Kolonialismus wird in der zweiten Hälfte des Films relevant, was in einer Szene kulminiert, für die es im Kino sogar Applaus gab.
Mickey 17 ist vielleicht kein Meisterwerk, wie es Parasite war, dafür ist er stellenweise doch etwa zu unrund, aber er ist kluges Unterhaltungskino in Reinform und ein Glücksfall für die Berlinale. So etwas sieht man heutzutage wirklich nur noch äußerst selten.

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