Grand Prix, Le Mans, Ferrari: Die faszinierende Welt der Motorsportfilme

Michael Manns Ferrari ließ mich an zwei alte Motorsportfilme denken. Warum finde ich sie so beeindruckend?

Ich weiß noch, wie ich vor einigen Jahren das erste Mal Grand Prix (1966) gesehen habe. Ich kam anfangs aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. John Frankenheimer inszeniert dort den Formel 1 Grand Prix von Monaco. Der Film beginnt mit einer Ouvertüre, danach die Credits, die Kamera fährt aus dem Schwarz eines Auspuffs heraus, die Motoren beginnen zu dröhnen, vielfach, unterstützt von Split-Screens, die die mechanischen Handgriffe an den Autos ins Bild nehmen. Wir sehen den Start und dann das Rennen durch Monaco. Alles gefilmt im breitesten Breitbild, was nur darauf ausgelegt ist, zu beeindrucken. Und das tut es auch. Fragt mich nicht, wie sie diese Kameras damals an die Autos geschraubt bekommen haben. Für die ersten 25 Minuten des Films geht das so. Kaum richtige Story, nur Bilder vom Rennen. Die Sequenz endet dann damit, dass es einen der Fahrer im Mittelmeer versenkt. Wie kein anderer Film fängt Grand Prix das archaische des Motorsports dieser Zeit ein. Auf der Seite diese faszinierende Geschwindigkeit und nicht weit weg davon ist immer der Tod. Der Film führt uns später noch nach Spa und Monza und würde er nur aus diesen Rennszenen bestehen, würden wir hier von einem absoluten Meisterwerk sprechen, aber er füllt seine drei Stunden leider auch mit viel kitschiger Liebesgeschichte. Man musste damals wohl alle Zielgruppen abholen.


Was mich aber seitdem beschäftigt, ist, warum mich diese Bilder so beeindrucken. Sicherlich hängt es auch mit der historischen Qualität der Bilder zusammen. Der Blick in eine andere Zeit, als Motorsport noch nicht massenmedial verfügbar war. Aber nur das kann es nicht sein. Ein bisschen weiter gekommen in der Frage bin ich, als ich vor einiger Zeit Le Mans (1971) gesehen habe, der in seiner Art erstaunlich ähnlich zu Grand Prix ist. Auch Le Mans beginnt mit einer sehr langen Sequenz in der eigentlich nur das Rennen gezeigt wird. Es gibt ein Voice-Over/Streckensprecher, der ein wenig Kontext gibt, wo wir uns befinden und was wir sehen, aber sonst wird nur gefahren. Erst nach rund 38 Minuten wird in diesem Film die erste richtige Zeile Dialog gewechselt. Bis dahin erzählen nur die Bilder. Diese beiden Filme haben in ihrer Konsequenz etwas aus heutiger Sicht erfrischend eigensinniges. Man nimmt sich Zeit und gibt sich dem Zwang zu erzählen erst spät oder nur begrenzt hin. Im Fokus steht zunächst das visuelle Spektakel. Die Filme erhalten damit auch etwas rohes, sperriges. In ihrer Machart reflektieren sie den Geist dieser Zeit, in der noch nicht jeder Winkel der Strecke mit Kameras ausgeleuchtet wurde und das ganze Geschehen noch etwas wildes hatte.

Ich musste an all das wieder denken, als ich vor ein paar Monaten Ferrari (2023) von Michael Mann in Wien gesehen habe, der jetzt seinen Streaming-Start hatte (und leider nicht ins Kino kommt). Ferrari setzt sich nämlich auch auf eine Art mit dieser Zeit auseinander, in der die beiden erwähnten Filme entstanden sind. Man könnte sie auch als die Zeit bevor Motorsport „sicher“ wurde, beschreiben. Es ist im Endeffekt eine brutale Zeit, denn in unheimlicher Regelmäßigkeit sterben Leute bei der Ausübung dieses Sports, der sich noch wenig Gedanken um die Sicherheit seiner Athleten machte. Der Tod wurde in Kauf genommen und war gewissermaßen ja sogar der Reiz des Ganzen. Das mythische, was die Bilder aus Grand Prix und Le Mans in sich tragen. Michael Mann geht es in Ferrari jetzt darum, genau diese Brutalität offen zu legen. Er erzählt die Geschichte von Enzo Ferrari als die Geschichte von einem Mann, der ums überleben kämpft. Einerseits im privaten und andererseits finanziell mit seiner Firma Ferrari. Damit sie überlebt, ist er auf Erfolg angewiesen und für diesen Erfolg geht er ganz sprichwörtlich über Leichen. Seine Fahrer sterben für ihn und das nimmt er sehenden Auges in Kauf, solange am Ende ein Ferrari auf der Eins steht. Es ist deshalb auch gar kein Zufall, dass wir Körper sehen, die durch die Luft geschleudert werden und abgetrennte Gliedmaßen auf der Straße verteilt liegen.

Diese Brutalität ist der Kontrapunkt zur mythischen Verklärung des Rennfahrers, der sich in Gefahr bringt und dann (auch typisch männlich) über sich hinaus wächst. Die Filme Grand Prix und Le Mans streiten diese Gefahr ja auch gar nicht ab. Wie gesagt landen da ja auch schon Autos im Meer. Die Gefahr wird dort aber noch als Teil des Ganzen angesehen. Bei Michael Mann lernen wir, dass diese Gefahr letztendlich schon immer Produkt einer männlichen Gier war. Und gar nicht so sehr der Gier der Leute hinter dem Lenkrad, sondern die der Leute, die mit ihrem Erfolg Geld verdienen wollten. Das macht die Bilder in Grand Prix und Le Mans nicht weniger faszinierend, aber etwas ambivalenter. Fertig bin ich mit diesen Filmen aber noch nicht. Diese Rennsportfilme sind ein kleines, wildes Subgenre, um das man sich noch näher kümmern sollte. Vielleicht beschäftige ich mich als nächstes dann mal damit, wie sich Ferrari von Filmen wie Rush (2013) und Ford v Ferrari (2019) unterscheidet.

Sowohl Grand Prix als auch Le Mans gibt es in voller Länge auf YouTube und Ferrari streamt auf Prime Video.

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