2025 – Meine Lieblingsfilme

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Das Kinojahr 2025 geht zuende und so wird es mal wieder Zeit, über die Filme zu sprechen, die mich besonders berührt haben. Dieses Jahr gab es nicht den einen Film, der mich heillos begeistert hat, dafür waren es immer wieder neue, die meine Leidenschaft entfacht und Diskussionen befeuert haben. Das spricht für ein gut ausgeglichenes Jahr, in dem sich sehenswerte Filme über das Jahr verteilten. Aus diesem Grund wird diese Liste kein Ranking, sondern ein grob chronologischer Blick auf die Highlights des Jahres. In meine Liste kommen nicht nur die Kinoneuerscheinungen des Jahres, sondern auch Filme, die ich auf Festivals früher sehen konnte, oder die unter Umständen gar keinen deutschen Kinostart bekommen haben.

Das Frühjahr beginnt meist recht stark, während die Lieblinge der Festivalsaison in die Kinos trudeln, findet in den ersten Monaten des Jahres auch die Berlinale statt, die ich jährlich besuche. Dort gab es dieses Jahr zwei Filme, auf die ich mich lange gefreut hatte, und die beide nicht enttäuschten: Reflection in a Dead Diamond von Hélène Cattet und Bruno Forzani und What does that Nature say to You von Hong Sang-Soo. Beides sind stylistisch radikale Perlen, die an Idiosynkrasie kaum zu übertreffen sind, dabei jedoch an gegenüberliegenden Polen operieren: Hongs Film steht in der Tradition der immer stärkeren Reduktion der filmischen Mittel, die er in den letzten fünf Jahren durchlief, während Cattet und Forzani ihre filmische Eskalation und Reizüberflutung mit ihrem neuesten Film auf die Spitze treiben. Acht lange Jahre hat das Regieduo an ihrer neuesten hyperstilistischen Genre-Hommage/Dissektion gefeilt, eine Zeit, in der Hong zwölf Spielfilme in seiner low-res long-take DIY-Ästhetik herausbrachte und die Berlinale drei verschiedene Festivalleitungen sah. Reflection in a dead Diamond undWhat does that Nature say to You repräsentieren zwei grundauf verschiedene Ansätze des Filmemachens, und ergänzen sich vielleicht gerade deshalb auch so fantastisch als meine Berlinale Favoriten.

Reflection in a Dead Diamond © Cattet-Forzani

Abseits dessen gab es in den ersten Monaten natürlich auch tolle Neustarts vor und nach dem Festival: Brady Corbet baute sich mit Der Brutalist ein monumentales, kantiges und klobiges Werk, über das ich in diesem Jahr mit vielen Menschen diskutiert habe und Flow von Gints Zilbalodis ist einer dieser seltenen Filme, in die man sich hineinlegen und einfach treiben lassen kann.

Der Sommer beginnt für mich immer Ende April mit dem AlFilm, dem arabischen Filmfestival in Berlin und dort durfte ich den wohl obskursten Film dieser Liste sehen: A Frown gone Mad von Omar Mismar hat keinen deutschen Release und ist leider sonst auch schwer aufzufinden, doch sollte er unbedingt von mehr Menschen gesehen werden. Diese Dokumentation zeigt einen schäbigen kleinen Schönheitssalon in Beirut in dem Bouba, die Besitzerin, ihren Kundinnen und Kunden jeglichen Alters und Geschlechts für wenig Geld eine Beautyspritze nach der anderen verabreicht. Sie selbst tritt dabei nicht ins Bild, die Kamera hält stets starr auf die zu Behandelnden, mit denen sie sich unterhält und denen sie mit wenig Fingerspitzengefühl eine Botox nach der anderen unter die Haut jagt. Dabei kreiert Mismar ein vielschichtiges Fresko zum Schönheitswahn der Libanesen, die trotz gravierender Wirtschaftskrise und drohender militärischer Auseinandersetzungen (der Film wurde kurz vor den israelischen Angriffen im Stadtteil Dahie gedreht) in Scharen bei Bouba einkehren. A Frown gone Mad ist lustig, erschreckend und sehr schwer zu ertragen, aber extrem sehenswert.

A Frown gone Mad © Omar Mismar

Eine weitere Dokumentation die mich dieses Jahr begeistert hat, war Albert Serras Afternoons of Solitude, die den Torero Andrés Roca Rey über verschiedene Stierkämpfe begleitet. Frei von Wertung bildet Serra diesen Mann in einem extrem traditionsreichen, ritualisierten aber auch kontroversen Machtspiel zwischen Tier und Mensch ab, bei dem am Ende der Stier elendig krepieren wird. Der Film verzichtet dabei auf Kommentar oder Einordnung und zeigt lediglich die Vor- und Nachbereitung des Toreros, sowie die Stierkämpfe selbst teils in voller Länge. Im Verlauf des Films stellt sich eine gewisse (gewollte!) Langeweile ein, zwischen den gleichen dramaturgischen und Bewegungsabläufen in der Arena, aber auch eine Abstumpfung gegenüber der Gewalt gegen das Tier. Damit entlarvt Serra das Spektakel in seiner Banalität und simplistischen Konstruktion hin auf eine Zurschaustellung der Überlegenheit des Menschen, aber auch die Zuschauenden im Kinosaal als voyeuristisch und gewaltgeil, den Bilderstrom wie ein Schild zwischen sich und den echten Stierkämpfen. Serras Film bietet so viel Zündstoff eben weil er sich so zurückhält und nicht wertet und wird dadurch nur noch perfider.

Andrés Rey Roca in Tardes de Soledad © Grasshopper Films

Mike Leighs Hard Truths hat in Deutschland keinerlei Veröffentlichung erhalten, weder in den Kinos, noch als DVD und konnte nur auf einer handvoll Festivals gesehen werden. Um sich diesen Film in Deutschland legal anzugucken, muss man eine DVD aus dem Ausland besorgen (oder in die Zentral- und Landesbibliothek gehen!), doch lohnt sich das ungemein, denn dieser Film birgt eine der stärksten Performances des Jahres. Marianne Jean-Baptiste spielt die mit Sicherheit anstrengendste Frau des Jahres, Pansy, eine Figur, bei der es Kraft kostet, ihr den Film über zu folgen. Mit ihrer ständig überreizten, rechthaberischen und perfektionistischen Art fährt sie alle in ihrem Umfeld konstant an, keine Interaktion mit ihr artet nicht innerhalb von Sekunden in Streit aus. Diese schwer erträgliche Persönlichkeit ist jedoch in einem tiefen physischen und psychischen Schmerz verankert, der Jean-Baptistes Figur quält und den sie nur leidlich verarbeiten kann. Gleichzeitig zeigt der Film jedoch auch das Leben von Pansys Schwester (Michelle Austin) und ihren Töchtern, das erfüllt von Liebe und Lebensfreude ist, aber ständig von den Problemen ihrer Schwester erschwert wird. Hard Truths ist ein zutiefst menschlicher Film, der tief blicken lässt: Leigh zeichnet meisterhaft nuanciert ein Bild von großem Schmerz und Hoffnungslosigkeit aber auch standhafter Liebe und Zusammenhalt.

Marianne Jean-Baptiste und Michelle Austin in Hard Truths © Thin Man Films Ltd

Im Sommer dieses Jahres durfte man sich über einige sehr unterhaltsame Horrorfilme freuen: Final Destination: Bloodline zählt zu den besten seines Franchise, Zach Creggers Weapons war eine ausufernder, sehr spaßiger Genre-Ritt und Bring Her Back von den Philippou-Brüdern bildete einige der größten emotionalen Abgründe und härtesten Gewaltspitzen des Mainstream-Kinos ab.

Der Herbst und das Jahresende sind wieder Festivalsaison und dieses Jahr konnte ich in Wien und beim Around the World in 14 Films Festival einige tolle Filme sehen, wie schon woanders besprochen. Aber auch die Kinostarts im Herbst waren besonders sehenswert, darunter natürlich Paul Thomas Andersons One Battle After Another, der zu Recht auf jeder einzelnen Jahresendliste vertreten ist, Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, der beste deutsche Film seit langem und Luca Guadagninos unbeugsamer und konfrontativer After the Hunt. Weniger opulent und aufbauschend als diese Filme ist Kelly Reichardts The Mastermind, doch ist das wahrscheinlich der beste Bait-and-Switch Film des Jahres.

2025 hatte einige Perlen zu bieten, hoffen wir, das 2026 noch besser wird!

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